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| Abi mit 14, Mathestudent mit 16 Jahren |
gefunden in: spiegel.de vom 25.08.06
ÜBERFLIEGER MIRKO FILLBRUNN
Abi mit 14, Mathestudent mit 16 Jahren
Er hat in der Schule vier Klassen übersprungen, ist gerade 16 geworden und studiert schon im dritten Semester Mathe und Volkswirtschaft. Abends spielt Mirko Fillbrunn auch noch Badminton auf höchstem Niveau. Im Interview erzählt er von seinem Leben auf der Überholspur.
SPIEGEL ONLINE: Du hast Semesterferien, deine Freunde sitzen wieder in der Schule. Ein gutes Gefühl?
Mirko Fillbrunn: Klar, das ist ganz nett, ich kann jetzt ausschlafen. Aber das gibt es ja auch umgekehrt: Wenn die Ferien haben, muss ich zur Uni.
DPA Hatte schon früh den Durchblick: Mirko Fillbrunn ist 16 - und Mathestudent SPIEGEL ONLINE: Was machst du mit 16 Jahren im Hörsaal der Duisburger Uni?
Mirko Fillbrunn: Mathe studieren, im dritten Semester. Und im Nebenfach Volkswirtschaftlehre. Ich habe insgesamt vier Klassen übersprungen, eine in der Grundschule, drei in der Gesamtschule. Dann habe ich mit 14 Abitur gemacht. Ein Lehrer hat mir geraten, das Mathestudium anzufangen.
SPIEGEL ONLINE: Und? Macht's denn Spaß?
Mirko Fillbrunn: Geht so. In der Schule war der Stoff total öde, das fand ich nie interessant. Im Studium ist alles viel genauer und komplizierter. Aber das Studium wird mit der Zeit auch langweilig. Mehr Spaß macht mein Nebenfach, aber das fängt jetzt eigentlich erst richtig an.
SPIEGEL ONLINE: Wann hast du gemerkt, dass du cleverer bist als die anderen?
Mirko Fillbrunn: In der Grundschule war ich immer der Schnellste, und irgendwann bin ich zu meiner Mutter gegangen und habe gesagt: Es ist so langweilig. Die hat dann mit meiner Lehrerin gesprochen, und ich habe eine Klasse übersprungen.
SPIEGEL ONLINE: Und danach noch drei weitere. Bleiben da nicht Freunde auf der Strecke?
Mirko Fillbrunn: Ich habe immer Freunde über den Sport kennengelernt. Und in jeder Klasse hatte ich ein paar Leute, mit denen ich was gemacht habe. In meinem Abiturjahrgang waren sie ja fünf Jahre älter als ich. Aber ich habe mich nie verstellt, warum auch. Wenn einer mit mir ein Problem hatte, hab ich eben nicht mit dem geredet. Aber ich war kein Freak. Die meisten sind gut mit mir klargekommen. Und jetzt mache ich viel mit den Leuten von der Uni. Mathe ist ein teambezogenes Fach, man braucht Leute, mit denen man die Übungsaufgaben durchsprechen kann.
SPIEGEL ONLINE: Gehst du mit auf Studentenpartys?
Mirko Fillbrunn: Das nun nicht, dafür ist der Altersunterschied zu groß. Aber ich wirke ein bisschen älter, als ich bin - und meine Freunde an der Uni sind jugendlich geblieben. Einige machen viel Sport, so wie ich, darüber unterhalten wir uns dann.
SPIEGEL ONLINE: Eine Freundin zu finden, könnte trotzdem schwierig werden...
Mirko Fillbrunn: Im Studium habe ich keine und werde auch keine haben, bis ich so alt bin wie andere Studenten. So ist das eben.
SPIEGEL ONLINE: Du wohnst noch zu Hause. Warum ziehst du nicht richtig studentisch ins Wohnheim?
Mirko Fillbrunn: Na ja, ich bin gerade erst 16. Und ziemlich faul, was Hausarbeit angeht. Eine WG wäre vielleicht gut. Aber das kann ich auch später noch machen. Außerdem müsste ich dann immer zum Badminton pendeln, statt zur Uni. Das kommt aufs Gleiche raus.
SPIEGEL ONLINE: Neben dem Studium betreibst du noch Leistungssport?
Mirko Fillbrunn: Ja. Ich gehöre in Deutschland zu den Top Drei in meiner Altersstufe im Einzel. Von Montag bis Donnerstag trainiere ich jeweils zwei bis vier Stunden. An diesen Tagen gehe ich auch in die Uni. Aber Training ist abends, das geht schon.
SPIEGEL ONLINE: Bist du ein Genie oder einfach schneller als andere?
Mirko Fillbrunn: Kommt drauf an. Wenn einer, der schneller lernt, ein Genie ist, dann bin ich wohl eins. Wenn ein Genie ein Buch nur sehen muss, um alles zu wissen, bin ich keins. Wenn ich nicht lerne, falle ich genauso auf die Schnauze wie andere. Aber ich kann effektiver lernen und habe ein besseres Zeitmanagement.
SPIEGEL ONLINE: Was haben eigentlich deine Eltern dazu gesagt, dass ihr Sohn so ein Überflieger ist?
Mirko Fillbrunn: Ach, die kannten das schon. Eine meiner Schwestern ist fünf Jahre älter als ich, die hat zwei Klassen übersprungen. Und mein Bruder ist anderthalb Jahre älter, der hat drei Klassen übersprungen. Mit dem habe ich in einem Jahrgang Abi gemacht, da war ich 14 und er 16. Dass ich so viele Klassen übersprungen habe, hat auch deswegen in der Schule nur wenige gewundert, weil die ja schon meine Geschwister kannten.
SPIEGEL ONLINE: In der Schule hattest du bestimmt nur Einsen auf dem Zeugnis...
Mirko Fillbrunn: Nein, ich habe Abitur mit 2,0 gemacht. In Latein waren sogar mal ein paar Sechsen dabei, da hatte ich wirklich keine Lust. Aber dann habe ich mich hingesetzt und doch noch das Latinum bekommen. Jetzt, in der Uni, bin ich auch nicht der Beste. Normal, Durchschnitt eben. In VWL bin ich meistens sicherer, das interessiert mich mehr. Bei einer Informatikklausur bin ich durchgefallen. Ich kann wohl mit Computern umgehen - aber programmieren, das geht gar nicht.
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gefunden in: handelsblatt.com vom 24.8.06
Circe desCyberspace Marissa Mayer ist erst 31 Jahre alt und hat es in der Hierarchievon Google schon nach oben geschafft. Auf ihrenSchreibtisch kommt jede neue Idee, die im Internetkonzern entsteht.
KATJA RIDDERBUSCH | ATLANTA Marissa Ann Mayer kann Nerds eigentlich nicht besonders gut leiden, jene schlauen Sonderlinge, die sogar in Programmiersprachen träumen. „Ich kenne diesen Typ“, sagte sie einmal. „Sie essen Pizza zum Frühstück. Sie duschen selten. Und sie sagen nie Entschuldigung, wenn sie einen auf dem Gang umlaufen.“
Doch streng genommen hat Marissa Mayer selbst etwas von einem Nerd, auch wenn sie nicht so aussieht: Die hoch gewachsene Blonde hat Diplome in Informatik und Künstlicher Intelligenz von der elitären Stanford-Universität. Sie arbeitet im Mekka der Nerds am Rande des Silicon Valley, in einem futuristischen Bau aus Stahl, Glas und Beton.
Marissa Mayer ist Produktchefin der Such-Dienste von Google, der globalen Wissensmaschine, der Informationskrake, dem Big Brother des Cyberspace. Die 31-Jährige befindet sich auf dem geraden Weg, das Gesicht der neuen New-Economy-Generation zu werden, deren Aufstieg nach dem Platzen der Dotcom-Blase begann und die das Kreative mit dem Pragmatischen versöhnt.
Als Produktchefin und Vizepräsidentin hat es Marissa Mayer in der Hierarchie von Google weit nach oben geschafft, gleich hinter die beiden Firmengründer Larry Page und Sergey Brin. Sie ist Schaltstelle und Clearing-House. Sie bekommt jede neue Idee auf den Tisch, die einer der knapp 6000 Mitarbeiter im „Google-Plex“ vorlegt. So heißt das Hauptquartier von Google im kalifornischen Mountain View. Wo auch immer sie auftritt – Superlative sind ihr gewiss. Der Publizist John Battelle verglich Mayer in seinem Buch „The Search“ mit einem schillernden Kolibri, „Newsweek“ bezeichnete sie als eine der „zehn wichtigsten Technologie-Führungskräfte“, das Wirtschafts-blatt „Fast Company“ hob sie auf den Titel, die „Welt“ nannte sie eine „Circe des Cyberspace“, und als „Königin der großen Ideen“ wurde ihr der Aenne-Burda-Award für erfolgreiche Frauen im Medien-Business verliehen.
Kongress-Veranstalter reißen sich um Mayer – dabei ist die junge Frau mit dem frisch-fröhlichen Lächeln des Landmädchens aus dem Mittleren Westen eigentlich gar keine gute Rednerin: Sie spricht schnell und atemlos, als wolle sie ihre Sätze in ein kleines Gefäß pressen, aus dem permanent die Zeit entrinnt. Sie gestikuliert ausladend und kichert wie ein ungelenker Teenager.
Das Geheimnis der Marissa Mayer mag darin liegen, dass sie in keine Kategorie passt – und zugleich in jede. Dass sie fremde Welten zu versöhnen vermag: die Nerds und die Snobs, die Denker und die Macher.
Als sie 1999 zu Google kam, war sie 23 Jahre alt. Sie war die 20. Angestellte des Unternehmens und der einzige weibliche Ingenieur. In der Mittagspause saßen die Programmierer auf der einen, die Marketing-Leute auf der anderen Seite der hauseigenen Cafeteria – und Mayer wanderte zwischen beiden Gruppen hin und her.
Schon als Jugendliche waren ihr Cliquen zuwider. Und deshalb mischte sie nicht nur den Debattierclub ihrer Highschool auf, sondern tanzte auch im Cheerleader-Team. „Es machte ihr Spaß, das Image der blöden Pom-Pom-Königin zu zerschmettern“, sagte einer ihrer Lehrer.
Doch bei all der fröhlichen, weltenversöhnenden Unternehmenskultur ist Marissa Mayer vor allem eines: eine sehr mächtige Frau in einem sehr mächtigen Unternehmen. Google ist die am schnellsten wachsende Firma der Welt mit 400 Millionen Nutzern im Monat in 112 Ländern und einer Milliarde Suchanfragen pro Woche. In Sekundenbruchteilen rast Google wie eine Rennspinne durch das Cybernetz und durchforstet mehr als acht Milliarden Webseiten. Der Börsenwert von Google liegt bei weit über 100 Milliarden Dollar.
Mayer zeichnet verantwortlich für Suchdienste wie den Nachrichtenservice „Google News“, das Trendbarometer „Google Trends“, die Preisvergleichsmaschine „Froogle“, ferner „Google Earth“, der Satellitenbilder liefert, oder die Kontaktbörse „Orkut“. In Kürze will Google mit „Google Books“ eine digitale Bibliothek auf den Markt bringen. In einem ersten Schritt sollen 15 Millionen Werke aus den großen amerikanischen Bibliotheken eingescannt werden.
Google, der inoffizielle Herrscher über das World Wide Web, sah sich zuletzt immer mehr der Kritik ausgesetzt. Als das Unternehmen Anfang des Jahres verkündete, mit einer zensierten Version seines Dienstes in China an den Markt zu gehen und Begriffe wie Demokratie oder Menschenrechte freiwillig zu sperren, war die Empörung groß. Datenschützer in Europa und Amerika sehen mit zunehmender Beklemmung, wie die privaten Informationen der Nutzer aus aller Welt sich auf den Speicherplätzen von Google einbrennen.
Marissa Mayer weist die Bedenken zurück. Schließlich, sagte sie einmal, sei es ja jedem Einzelnen überlassen, ob ihm das Angebot von Google wert sei, ein Stück seiner Privatsphäre aufzugeben. „Man sollte nicht paranoid werden.“
Ihre eigene Privatsphäre hütet Marissa Mayer dagegen streng. Nur wenig jenseits ihres Google-Lebens ist über sie bekannt. Dass sie ledig ist und begeisterte Drachenfliegerin. Dass sie keine Haustiere hat und mit vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommt und alle paar Monate einen Kinoabend für die Google-Angestellten organisiert. Dass sie viel arbeitet, von morgens um neun bis Mitternacht.
Am Ende ist Marissa Mayer doch selber einer dieser schlauen Sonderlinge, einer dieser Nerds. Aber, wie ein Kollegen zugesteht, ein Nerd mit gutem Geschmack.
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gefunden in: handelsblatt.com vom 28.07.2006
INDIEN: Santosh Kumar kommt aus der Mitte des Elends - und taucht nun in die glitzernde IT-Welt des Landes ein
Traum vom Aufstieg
OLIVER MÜLLER | PATNA In Delhi und Bombay debattiert Indiens Elite darüber, ob es 30 oder 50 Jahre dauern wird, bis die Wirtschaft ihres Landes die der USA einholt. In Dumari ist von dem Boom, der die Zukunftsaussichten von Millionen Indern aufhellt, nichts zu spüren. Das Dorf in Bihar, dem Zentrum von Indiens Armutsproblem, ist eines von tausenden im ganzen Land, für deren Bewohner Zukunft oft nur bedeutet, den nächsten Tag zu überstehen. Die wenigsten können hier lesen. Die meisten gehören zu benachteiligten Kasten in einem Gesellschaftssystem, das seit Jahrhunderten die soziale Herkunft zementiert und den Aufstieg in höhere Schichten verhindert. Viele Kinder, die zwischen Dumaris Hütten herumrennen, zeigen Anzeichen von Unterernährung: streichholzdünne Beinchen und aufgedunsene Bäuche. Übergroß wirken ihre Augen in den mageren, vor der Zeit gealterten Gesichtern.
Als Kind sah Santosh Kumar ähnlich aus: "Wenn die Ernte schlecht ausfiel, hatten wir nicht genug zu essen", erinnert sich der 20-Jährige. "Ich hatte oft Hunger." Doch sein Leben steht vor einer radikalen Wende. Nächste Woche beginnt Santosh ein Studium, als erster im gesamten Bezirk - und nicht an irgendeiner Hochschule: Er hat die Aufnahmeprüfung an einem Indian Institute of Technology (IIT) geschafft. Nur einer von 1 000 Kandidaten wird an den sieben Eliteuniversitäten genommen. Fast alle bereiten sich bei teuren Repetitoren ein Jahr lang auf die Prüfung vor. Die meisten stammen aus der Oberschicht und von Privatschulen.
Santosh ist eine seltene Ausnahme. Aber dank eines eisernen Willens und privater Initiative gelingt immer mehr Vertretern "rückständiger" Kasten wie ihm der Sprung zu besserer Bildung. Der Traum der indischen Mittelschicht von Wohlstand und sozialem Aufstieg ist für den drahtigen, kräftig gebauten Kleinbauernsohn plötzlich zum Greifen nah: "Dass ich es auf eine Spitzenuni schaffe, war lange bloß ein frommer Wunsch", gibt er zu. "Aber ich habe hart dafür gekämpft, ihn wahr zu machen."
Der schweigsame, nachdenkliche Junge ist seines Glückes eigener Schmied. Dumaris Dorfschule hat weder ein Dach noch eine Tafel, und die Lehrer machen ständig blau. Das ist üblich in Indien: Einer Studie der Weltbank zufolge erscheint einer von vier Staatsschullehrern nicht zum Dienst. Zwei von drei Viertklässlern können keine einfachen Sätze lesen. "Ich musste mir von reicheren Kindern Bücher leihen und habe mir das meiste zu Hause selbst beigebracht", erzählt Santosh.
Zu Hause, das ist ein Backsteinhäuschen mit zwei Räumen: In einem schläft die Großfamilie auf einer Holzplanke. Aus dem zweiten sickert Jauche von einem Ochsen und einem Büffel. Die Tiere sind zusammen mit einem halben Hektar Ackerland der einzige Besitz der Familie.
Der Vater wusste lange nicht, was eine Universität ist. Das Bildungsziel seines Sohns hielt er anfangs für ein Luftschloss, nun platzt der grauhaarige Mann vor Stolz: "Wir werden alle mehr zu essen haben, vielleicht ein besseres Haus", erwartet er. Den bevorstehenden Karriereweg seines Sohns begreift er erst schemenhaft.
IIT-Abgänger müssen sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen: Weltkonzerne heuern sie vom Hörsaal weg an, teils mit Anfangsgehältern im sechsstelligen Dollarbereich. Santosh hofft, dass er nach dem Ritterschlag der überstandenen Aufnahmeprüfung nur noch nach seiner Leistung beurteilt wird, nicht nach seiner Kaste und den armseligen Umständen seiner Geburt. Er weiß um die subtilen sozialen Ausgrenzungsmechanismen, die die Zukunftschancen junger Inder noch immer beeinflussen. Aber sie schrecken ihn nicht mehr. "Es ist mir egal, ob Kommilitonen aus höheren Kasten und reichen Familien mich akzeptieren", sagt er. "Ich bin stärker als sie, denn ich habe mich aus eigener Kraft qualifiziert, ohne Privatschule und ohne Geld."
Ganz aus eigener Kraft hätte es Santosh allerdings kaum zu einem Elitestudenten gebracht. Dass er dem Teufelskreis aus Bildungsmangel und Armut entfliehen konnte, gegen den apathische Politiker wenig tun, verdankt er dem Mathematiklehrer Anand Kumar. Auch dieser musste sich am eigenen Schopf aus dem Elend ziehen: Als Kind hatte der stoppelbärtige Mittdreißiger in den vor Schmutz starrenden Straßen von Bihars Hauptstadt Patna Fladenbrot verkauft. Heute leitet er dort das größte von 100 privaten Repetitorien für angehende Ingenieurstudenten. Santoshs Vater hätte die Kosten dafür nie aufbringen können. Aber Kumar wählt unter 1 000 Kandidaten jedes Jahr 30 talentierte Habenichtse aus, die er gratis unterrichtet, beherbergt und verpflegt. Santosh gehörte zu den Glücklichen. 28 seines Jahrgangs haben gerade den Sprung auf eine Eliteuniversität geschafft.
Um ihren Physikunterricht kümmert sich ehrenamtlich Bihars Polizeichef Abhayanand, ein Hobby-Physiker. "Gott hat unzähligen Kindern die selbe Intelligenz gegeben wie Santosh, aber die Gesellschaft verweigert ihnen Bildung", beklagt der Spitzenbürokrat einen Systemfehler, der in Bihar besonders viele von einer besseren Zukunft ausschließt. Aber nur wenn auch sein 80 Millionen Einwohner zählender Bundesstaat Anschluss fände an Indiens wirtschaftliche Entwicklung, könne die Nation eine Weltmacht werden, glaubt er.
Für Santosh ist das nur eine Frage der Zeit: "Die Lage bessert sich, in 20 Jahren holen wir China ein", ist er überzeugt. Persönliche Zukunftssorgen kennt er nicht mehr: "Für mich ist jetzt alles möglich." Für viele Jugendliche gelte das aber weiterhin nicht, weiß Santosh. Indiens korruptes politisches System fresse das Geld für dringend benötigte Entwicklungsprojekte wie bessere Schulen und halte viele in Armut gefangen.
Trotzdem ist der Bauernsohn überzeugt, dass sein Beispiel Schule machen wird. "Meine Generation erkämpft sich besseren Zugang zu Bildung", sagt er. "Hinter mir stehen tausende andere, die ihre Talente ebenfalls entwickeln wollen." Ihr Wille und ihr Mut zum Ausbruch aus sozialen Schranken seien dabei, das Land zu verändern.
Er selbst will auch etwas beitragen zu den Veränderungen und dem Wirtschaftsboom und sich der Gründerwelle anschließen, die Indien ergriffen hat: "Am liebsten würde ich später meine eigene Firma gründen", skizziert er seine Zukunftspläne, "und zwar hier in Bihar."
Müller, Oliver
28. Juli 2006
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| Leben abseits der Normalität |
gefunden in: Handelsblatt Nr. 143 vom 27.07.06 Seite 5
ISRAEL: Liav Hertsman kennt die Angst vor Raketen und Selbstmordattentätern - und glaubt doch fest an den Frieden
PIERRE HEUMANN | TEL AVIV Kaum hat Liav Hertsman in dem Tel Aviver Straßencafé Platz genommen, dreht sich das Gespräch auch schon um die Politik. Das lässt sich nicht vermeiden in Israel - einem Land, in dem jeder täglich mit existenziellen Fragen konfrontiert ist. Während Liav hier ihren Eiskaffee schlürft, gehen im Norden des Landes erneut mehrere Dutzend Katjuscha-Raketen nieder. Zwei Menschen sterben. Im Süden landen etwas harmlosere Kassam-Geschosse, die zuweilen aber auch töten. Und in einer Vorstadt von Tel Aviv ist gerade ein Selbstmordattentäter gefasst worden. Er wollte ins Zentrum, um möglichst viele Israelis umzubringen.
Sieht die Jugend eine Zukunft, wenn ringsum die Gewalt dominiert? Liav antwortet ganz spontan: "Das fragen sich in der Tat viele." Auch die 26-Jährige macht sich schon seit langem Gedanken über ihre Heimat. Und sie ist dabei zu einem - für Israelis überraschenden - Schluss gekommen: "Wir sind im Nahen Osten ein Fremdkörper", sagt sie geradeheraus. Der Staat sei ein Projekt jüdischer Europäer im Nahen Osten, er sei weder kulturell noch politisch in der Region integriert. Auch wenn sie mit dieser Meinung unter ihren Landsleuten ziemlich alleine dasteht, bleibt sie dabei: "Die Araber sehen uns als temporäres Phänomen, das sich irgendwann lösen wird." Das Misstrauen sitze tief, auf beiden Seiten. Sollten eines Tages die Schutzschilder der USA und Europas wegfallen, "müssen wir alle schwimmen lernen", befürchtet Liav.
Sie sagt das nicht leichtfertig. Auch nicht aus Hass gegenüber Arabern. Im Gegenteil, sie kennt sich gut aus mit der arabischen Kultur. An der Universität Tel Aviv studierte sie Orientalistik und Medienwissenschaften. Dabei lernte sie auch klassisches Arabisch, was ihr aber für den Plausch mit den arabischen Nachbarn in deren Muttersprache nicht hilft. "Leider", sagt Liav. Bald möchte sie auch die arabische Umgangssprache lernen, am liebsten an einer Universität in Kairo. Sie hatte das eigentlich schon nach ihrem zweijährigen Militärdienst als Armeesprecherin geplant, doch die Intifada machte ihr einen Strich durch die Rechnung. In dieser Situation als Israelin in Ägypten? Lieber nicht.
Liav glaubt trotzdem fest daran, dass Juden und Araber friedlich zusammenleben können - nicht zuletzt deshalb, weil sie selbst viele arabische Freunde hat. So ist sie zu der Hochzeit eines ägyptischen Freundes eingeladen, und sie wird hinfliegen. Ein anderer Freund aus dem arabischen Teil Jerusalems drängt darauf, dass sie ihn endlich besucht, und sie wird bald gehen. Und jetzt, während des Gesprächs im Café, wartet Liav darauf, dass endlich ihre palästinensische Freundin aus Nazareth anruft. Sie hat nichts mehr von ihr gehört, seit Katjuschas dort zwei Menschen getötet haben.
Ihre arabischen Freunde hat Liav durch die israelisch-palästinensische Organisation "Seeds of Peace" ("Saat des Friedens") kennen gelernt. Dort engagiert sie sich, seit sie 14 ist. Die Gruppe führt junge Israelis und Araber zusammen. So soll die Saat für ein späteres friedliches Zusammenleben gelegt werden. Der Kontakt wird in Sommerlagern in den USA geknüpft und dann weiter gepflegt.
Die Politik bestimmt das Leben in Israel, doch dank ihres Jobs kann Liav zumindest zeitweise der harten Realität ihres Landes entfliehen. Sie arbeitet bei einem der großen israelischen Filmverleiher, schließt Verträge für Streifen aus den USA oder Europa ab.
Zum Angebot gehören auch israelische Filme - und da, sagt Liav, habe es in den vergangenen Jahren eine wohltuende Entwicklung gegeben: Regisseure blenden die Politik aus und stellen ihren persönlichen Alltag in den Vordergrund, gehen auf individuelle Nöte ein, schildern Romanzen: "So, als ob wir ein normales Land wären", sagt Liav. Im Familiendrama "Broken Wings" zum Beispiel, einem der erfolgreichsten israelischen Filme überhaupt, bleibt keine Zeit für den Konflikt mit den arabischen Nachbarn. Die Familie Ulman ist von ihren alltäglichen Problemen voll in Anspruch genommen. Der Film könnte überall spielen, in Japan, Amerika oder Deutschland.
Liavs Lieblingsfilm ist derzeit "Ha Bua" ("Die Blase"), eine Geschichte über eine Beziehungskiste vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts. Er handelt von einem Homosexuellen in Tel Aviv, dessen Freund aus dem palästinensischen Westjordanland stammt. Auf überraschende Weise schleicht sich der Konflikt ein: Als der palästinensische Lover Ashraf sich aus Liebeskummer das Leben nehmen will, kommt ihm zufällig zu Ohren, dass einer seiner Verwandten einen Selbstmordanschlag in Tel Aviv plant. Ashraf beschließt, das Attentat an Stelle seines Cousins auszuführen.
Das Geld vom Filmverleih reicht Liav, um über die Runden zu kommen. Doch Jugendliche in Israel, die sich schicke Kleider, ein eigenes Auto und Entspannung im Ausland leisten wollen, sind auf einen Zweitjob angewiesen. Wenn die Eltern sie nicht finanziell unterstützten, könnten die meisten Israelis nicht studieren. Und junge Paare hätten kaum eine Chance, eine Wohnung zu kaufen. Mietwohnungen sind in Israel die Ausnahme. Liav unterrichtet in ihrer Freizeit noch Mathematik und Rhetorik an einem College, um ihr Gehalt etwas aufzubessern.
Was die Zukunft bringt? Als Tochter eines polnischen Vaters, der als Jugendlicher nach Israel kam, will sie irgendwann die polnische Staatsbürgerschaft beantragen. Sie könnte dann in viele arabische Länder reisen, die sie heute wegen ihres israelischen Passes abweisen. Und sie könnte vorübergehend Filmagenten in Osteuropa vertreten. "Zudem ist ein europäischer Pass nie schlecht", sagt Liav. Er ist so etwas wie eine Art Lebensversicherung, die man im schlimmsten Fall in Anspruch nehmen kann. Dann, wenn nur noch der Ausweg über das Meer bleibt.
Heumann, Pierre
27. Juli 2006
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gefunden in: Handelsblatt Nr. 142 vom 26.07.06 Seite 5
RUSSLAND: Natalia Morari ist ein Kind des zerfallenen Sowjetreichs: Moldawische Staatsbürgerin, überzeugte Moskauerin
THOMAS WIEDE | MOSKAU Schnellen Schrittes steuert Natalia Morari auf ihr Büro zu. Es wird wohl eines der letzten Male sein. Groß und prächtig erhebt sich der Sitz der "Open Russia Foundation" in der Kolpatchij pereulok in Moskau. Videokameras überwachen die ruhige Seitenstraße im Stadtzentrum. Wachen stehen vor dem alten Palais. Anfang Juli musste die Stiftung des inhaftierten Oligarchen Michail Chodorkowskij, die sich für die Bürgerrechte einsetzt, unfreiwillig ihre Arbeit einstellen. Die Konten wurden auf Anordnung der Behörden eingefroren. Natalia muss sich nun nach einer neuen Aufgabe umschauen. Bei "Open Russia" hat sie ein Jahr lang als Freiwillige Aktionen begleitet, viel über Projektmanagement gelernt. Jetzt hilft sie noch ein wenig abwickeln, bevor sie nach Hause zu ihrer Mutter in die Ferien fährt.
"Ich hoffe, sie lassen mich wieder zurück", sagt die 22-Jährige. "Sie", das sind die russischen Behörden. Natalias Zuhause liegt in Moldawien, in Russland ist sie nur Gast - und wahrscheinlich nicht einmal ein gern gesehener. Denn seit sie vor vier Jahren an der Moskauer Lomonossow-Universität ihr Soziologiestudium begann, hat sich Natalia engagiert. "Politisch" - könnte der russische Staat sagen und ihr die Einreise verweigern. "Gesellschaftlich" - sagt sie selbst. Mit Politik will sie eigentlich nichts zu tun haben.
Natalia redet schnell, sie kämpft mit ihren Haaren. Ihr Handy klingelt und summt, ihr Englisch ist geschliffen. In ihrem schlichten Kostüm sieht sie aus wie eine junge Geschäftsfrau. Nur weniger geschminkt.
Als sie nach der Schule wie die meisten ihrer Klassenkameraden den Weg aus Moldawiens Hauptstadt Kischinau nach Russland zum Studium antritt, ist ihr Kopf voller erhabener Bilder und Erwartungen: "Die Leute in Moldawien schauen zu Russland auf." Und nicht nur dort. Für viele Menschen in den ehemaligen Sowjetrepubliken ist Russland und speziell Moskau der Dreh- und Angelpunkt ihres Universums, eine Verheißung von Wohlstand und Chancen. Sie kommen als Studenten, Bauarbeiter, Geschäftsleute. Viele kommen illegal. Schätzungen gehen von bis zu sechs Millionen Zuwanderern aus, die nicht "registriert" sind.
Moskau, die gewaltige Lomonossow-Universität in den Sperlingsbergen über der Stadt, die beeindruckende wissenschaftliche Tradition. Natalia gehört zu den Auserwählten, die an der besten Uni Russlands einen Platz bekommen. Ihre Noten sind exzellent. Doch kaum ist sie in dem Wohnheim neben der Hochschule eingezogen, kommt die Ernüchterung. Sie muss feststellen, dass gut 80 Prozent ihrer Kommilitonen den begehrten Studienplatz einfach gekauft haben. Russlands Elite? Sie fängt an, nachzudenken und zu fragen, und stellt fest: Die meisten Studenten interessieren sich weder für Politik noch für das, was in der Welt sonst noch passiert. Hauptsache sie werden reich.
Dann wird der Yukos-Eigentümer Chodorkowskij verhaftet. Einer, der sein Vermögen in der Zeit des übelsten Raubritter-Kapitalismus in Russland gemacht hat. "Doch warum nur er?", fragt Natalia. Sie kommt in Kontakt mit Gruppen, die sich für seine Freilassung einsetzen. Sie geht auf Versammlungen und macht bei Aktionen mit. Sie sind nur ein Häuflein. Aber es macht auch Spaß, wie ein Happening. Am Ende wird ihr klar: Es geht nicht um den eingesperrten Milliardär, es geht um mehr. Es geht um die Demokratie. Wenn sie das sagt, klingt Natalia doch schon fast wie ein Politprofi.
Sie sammelt mit Kommilitonen im ganzen Land Unterschriften gegen eine Verschärfung des Wehrdienst-Gesetzes. Sie schicken sie an den Kreml - keine Reaktion. Trotzdem: "Ich liebe dieses Land", sagt die Studentin. Russisch ist ihre Muttersprache. "Meine Zukunft ist hier, in Russland, in Moskau." Am liebsten würde sie ihre Mutter und ihren Bruder nachholen. So erklärt sich auch ihr gesellschaftliches Engagement: "Ich möchte einfach in einem freien Land leben." Daran, in den Westen zu gehen, denkt sie nicht. Eine Freundin hat es mit ihrer Familie nach Deutschland geschafft. Doch was sie von dort hört, gefällt ihr nicht: "Sie haben nur russische Freunde, kaufen in russischen Geschäften." Leben im Ghetto. Dann lieber hier.
In einem Seminar an der Hochschule für Wirtschaft lernt sie eine Gruppe Gleichgesinnter kennen. "Ya dumaju" nennen sie sich, "ich denke". Sie schließt sich an und beginnt, an ihrer Uni Projekte zu koordinieren. Deshalb wird sie zur Fakultätsleitung bestellt. Auch die moldawische Botschaft wird auf sie aufmerksam. Die Diplomaten aus der Heimat, einem der ärmsten Länder Europas, warnen sie. Es könnte schwierig werden mit der russischen Staatsbürgerschaft, mit dem Pass, den sie so gerne haben will.
Die Teilnehmer des Kongresses "Das andere Russland", für den Natalia die Pressearbeit gemacht hat, wurden von Polizei und Behörden drangsaliert und gegängelt. Doch drohende Repressalien können die Moldawierin nicht schrecken: "Ich bin jung, habe keine Familie", sagt sie. "Jetzt ist die Zeit, etwas zu unternehmen." Über diverse Praktika hat sie sich ein Netzwerk aufgebaut und auch gelernt, moderat zu sein: "Es bringt überhaupt nichts, immer gegen etwas zu schreien. Gegen Putin, gegen den Staat. Es ist viel besser, für etwas zu sein, für etwas Gutes."
Vom russischen Staat erwarten sie und ihre Kommilitonen nichts. Ob sie sich nun engagieren oder nicht: Sie müssen es allein schaffen. Rente, Krankenversicherung, was passiert, wenn die Eltern alt werden? "Wir müssen selbst dafür sorgen, dass es uns später gut geht", sagt Natalia. Sie bekommt 300 Dollar von zu Hause, um in einer der teuersten Städte der Welt zu leben. Am liebsten würde sie selbst arbeiten, um die Mutter, die in Moldawien ein Hotel führt, zu entlasten. Sie erhält Job-Angebote, doch sie darf nicht. Es fehlt der Pass.
Noch ein Jahr an der Uni, dann muss es klappen mit dem Aufenthalt. Was sie beruflich machen will, weiß sie noch nicht. Sorgen vor Arbeitslosigkeit hat sie keine: "Wer in Moskau keinen Job findet, der will auch nicht arbeiten", sagt sie kühl. Nur eins ist klar: "In die Politik will ich nicht. "
Wiede, Thomas
26. Juli 2006
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| Mit der Quote zu neuem Selbstbewusstsein |
gefunden in: handelsblatt.com vom 25.07.2006
Mit der Quote zu neuem Selbstbewusstsein
ALEXANDER BUSCH | SÃO PAULO Eigentlich wollte er Psychologie studieren. „Um in die Köpfe der Menschen schauen zu können.“ Doch dann wurde es Medizin an der renommierten Föderalen Universität von Bahia in Salvador. Nach einem Jahr Studium weiß Ronden Nunes de Jesus jetzt, auf was er sich spezialisieren will: Innere Medizin. Genauer: Endokrinologie. „Da geht es um Hormondrüsen“, erklärt der 20-Jährige geduldig. „Diabetes, Schilddrüsenentzündungen und eine ganze Reihe komplizierter Krankheiten.“
Ronden lächelt nachsichtig durch seine blaue Mundspange, weil er wieder mal etwas erklären muss, was seine Umgebung noch nie gehört hat. Der junge Brasilianer ist das gewohnt. In Deutschland wäre er ein Hochbegabter: In seinen Schulzeugnissen war eine Zwei plus die schlechteste Note. Er liest heute englische Anatomiebücher, obwohl er nie Englisch gelernt hat – und das in Brasilien, wo selbst die intellektuelle Elite oft nicht mehr als ein paar Brocken Englisch kann. Für die schwierigen Aufnahmeprüfungen an der staatlichen Uni hat er sich alleine zu Hause vorbereitet – nicht wie die Schüler der Privatschulen monatelang in einem teuren Paukkurs.
Doch Hochbegabung allein ist in Brasilien noch lange keine Garantie für eine glänzende Karriere. Dazu sind die Klassen- und Rassenschranken zu hoch. Vor allem für Menschen mit kaffeebrauner Hautfarbe – wie Ronden. Seine Mutter Glória Nunes de Jesus wäscht Autos in der Peripherie der Drei-Millionen-Einwohner-Stadt Salvador. Sieben Tage die Woche, nur sonntags nimmt sie sich schon ab 14 Uhr frei. In guten Monaten – wenn es wenig regnet – bringt sie knapp 250 Euro nach Hause.
Dass Ronden heute Medizin studiert, hat er auch einem historischen Glücksfall zu verdanken: Erst seit drei Jahren haben einige öffentliche Universitäten in Brasilien Quoten für Afro-Brasilianer eingeführt. Das hört sich harmlos an, ist gesellschaftspolitisch aber eine Bombe: Denn obwohl Brasilien nach Nigeria das Land mit der größten Afro-Bevölkerung weltweit ist, studieren an den guten, öffentlichen Universitäten, die zudem noch kostenlos sind, überwiegend Jugendliche der hellen Mittel- und Oberschicht. Nur Schüler, die an den teuren Privatschulen vorbereitet werden, haben eine Chance, sich für einen staatlichen Studienplatz zu qualifizieren. Absolventen öffentlicher Schulen sind meist chancenlos.
Die Quotenregelung, die bald in ganz Brasilien verbindlich gelten soll, sorgte für Aufruhr: Dozenten befürchten, dass das akademische Niveau sinken wird. Intellektuelle kritisieren die Diskriminierung unter umgekehrtem Vorzeichen. Die weiße Mittelschicht schimpft, weil sich die Aussichten auf einen Studienplatz für ihre Kinder verschlechtern.
Auch an der öffentlichen Universität in Salvador, Rondens Heimatstadt, waren die Afro-Brasilianer lange kaum vertreten. Ausgerechnet hier, wo Brasilien am schwärzesten ist, wo 85 Prozent der Menschen afrikanische Vorfahren haben. „In Salvador kann eigentlich niemand behaupten, dass er nicht afrikanischer Abstammung ist“, sagt Ronden. Groß war deshalb der Aufruhr in der Stadt, als die föderale Universität – als erste in ganz Brasilien – knapp die Hälfte aller Studienplätze für Absolventen öffentlicher Schulen reservierte, 85 Prozent davon für Afro-Brasilianer.
So kam auch Ronden überhaupt erst auf die Idee, sich für ein Medizinstudium zu bewerben. „Wer von einer öffentlichen Schule stammt, der denkt nicht daran, sich dort zu bewerben“, sagt er. „Die wenigsten schaffen es.“ Ronden hat es geschafft – mit einer Punktzahl, für die er die Quotenregelung gar nicht hätte in Anspruch nehmen müssen. Damit steht er nicht allein: Von den 4 000 Studenten, die 2005 zugelassen wurden, kamen rund 1 900 über die Quote an den Studienplatz. Doch rund 1 100 hätten sich auch ohne die Sonderregelung qualifiziert. Letztendlich nahm nur rund ein Fünftel der Studenten einem weißen Mitbewerber den Studienplatz weg. Die Quotenregelung hat vor allem die psychologische Barriere in den Köpfen der Afro-Brasilianer beseitigt. Denn jetzt begehren die Begabten unter ihnen Einlass in die Eliteinstitutionen der brasilianischen Gesellschaft – was ihnen zuvor nie in den Sinn kam.
Ronden sicherte sich doppelt ab: Parallel bewarb er sich für eine Laufbahn als Offizier bei der Militärpolizei und bestand auch diese Prüfung. Wegen einer Sehschwäche wäre es mit der Polizei-Karriere aber schwierig geworden. „Doch als Polizist hätte ich schneller Geld verdient“, sagt Ronden, „denn mit dem Medizin-Studium bin ich erst 2011 fertig.“ Und bis dahin ist es noch ein langer Weg der Selbstdisziplin – für ihn und seine allein erziehende Mutter. Um vier Uhr morgens steht er auf, fährt mit dem Bus in die Uni für den Morgenkurs ab sieben Uhr. Dann wartet das tägliche Praktikum in einer Klinik. Zu Hause ist er nie vor acht Uhr abends. Und ist dann meist zu müde, noch die Bücher zu studieren.
Dafür hat seine Mutter ihn jetzt freigestellt von der Arbeit in der Autowäscherei am Wochenende. Dann lernt Ronden, den ganzen Samstag und Sonntag. „Das ist mein Hobby.“ Kein Fußball, keine Freundin („die beansprucht zu viel Zeit“), kein Fernsehen („nur Dokumentarfilme oder Wissenschaftssendungen“), kaum Karneval (das erste Mal dieses Jahr, weil der Krankenhauschef ihn eingeladen hat).
Trotzdem hat Ronden so gar nichts von einem Streber. Das ist vielleicht auch der Grund, warum sein 14-jähriger Bruder plötzlich in der Schule durchstartet: Aus Fabricio, dem Sitzenbleiber mit den schlechten Noten, ist in einem Jahr einer der besten in seiner Klasse geworden. „Es motiviert unheimlich, wenn du siehst, wohin dein Bruder gekommen ist nur durch Lernen“, sagt er. Und dann hält er den Hochdruckreiniger auf einen dreckverkrusteten Jeep, den ein Kunde seiner Mutter hingestellt hat.
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gefunden in: handlelsblatt.com vom 24.7.2006
HELMUT STEUER | TALLINN Wenn Optimismus ein Gesicht hätte, es müsste das von Mario Hallaste sein. Der 26-Jährige strahlt und strahlt, und sein Lachen steckt derart an, dass selbst seine Kommilitonen sich nicht mehr zurückhalten können. „So ist der immer“, sagt eine von ihnen, die 20-jährige Katrin Loodus. Die beiden sind zwei von knapp 400 Studenten am IT-College in der estnischen Hauptstadt Tallinn. Mario hat sein dreijähriges Studium fast abgeschlossen, „ich muss nur noch die Diplomarbeit beenden“, sagt er.
Der beton-graue College-Bau mit seinem postsowjetischen Charme am Rande der Altstadt von Tallinn strahlt wenig Zukunft aus. Doch wenn Mario den Abschluss in der Tasche hat, eröffnet sich ihm ein Arbeitsmarkt, von dem viele seiner Altersgenossen in anderen Ländern nur träumen können: „Pro Woche klopfen bei uns fünf bis zehn Unternehmen aus dem In- und Ausland an, die qualifizierte Leute suchen“, sagt der Student.
15 Jahre nach der Unabhängigkeit von der damaligen Sowjetunion wächst die estnische Wirtschaft wie kaum eine andere in der EU. Die Arbeitslosenrate liegt bei 6,4 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit mit 15,9 Prozent unter der in vielen anderen EU-Ländern. „Die Situation für junge Leute verbessert sich ständig“, sagt Allan Kasesalu vom Wirtschaftsministerium in Tallinn.
Vor allem auf Mario, der nach dem Abschluss „Systemadministrator“ auf seine Visitenkarte drucken darf, wartet eine rosige Zukunft. In einem Land, in dem sich an nahezu jeder Ecke Hot-Spots für den drahtlosen und kostenlosen Zugang zum Internet befinden und das zu den Staaten mit den meisten Breitband-Anschlüssen pro Kopf zählt, boomt der Arbeitsmarkt für IT- und Computerspezialisten. „Wir haben in Estland rund 780 IT-Firmen“, sagt Sille Rossi vom Ministerium für Wirtschaft und Telekommunikation. Und das bei gerade mal knapp über 1,3 Millionen Einwohnern. Vermutlich Weltrekord.
Direkt nach der Unabhängigkeit lag die Infrastruktur am Boden, erklärt „Mr. Internet“ Linnar Viik, der estnische IT-Guru und Professor am College. Deshalb habe man praktisch bei Null anfangen müssen und konnte deshalb direkt die modernste Technik einsetzen. Außerdem, so Viik, habe die Nachbarschaft zu Finnland, wo das Betriebssystem Linux und das Handy entwickelt wurden, sicherlich zu der großen Technik-Affinität beigetragen.
„Ich habe mich schon immer für Computer und Technik interessiert“, sagt Mario. Seit knapp acht Jahren studiert er nun schon, zunächst an den Unis in Tallinn und Tartu im Südosten Estlands, dann am IT-College, einem Joint Venture der beiden Unis, das auch von privaten Sponsoren aus der Telekom-Branche finanziert wird. „Ich bin ein Langzeitstudent“, gesteht er freimütig, und seine Augen verraten, dass er die Zeit sehr genossen hat.
So selbstverständlich war das nicht, als er 1998 das Gymnasium verließ. Damals stand das Ausbildungssystem mit staatlichen Studienkrediten und Beihilfen erst am Anfang, viele Schulabgänger konnten nur studieren, wenn ihre Eltern sie unterstützten. „Mein Vater ist Pastor und hat nebenbei ein kleines Reiseunternehmen, meine Mutter arbeitet als Schulsekretärin“, erzählt Mario. Trotz der sieben Geschwister hatten die Eltern genug Geld, um ihren Sohn anfangs zu unterstützen. Marios Kommilitonin Katrin hatte nicht so viel Glück: Ihre allein erziehende Mutter benötigte als Labor-Assistentin im Krankenhaus für ihre drei Töchter jede mühsam verdiente Krone zum Lebensunterhalt. „Für das Studium war da nichts mehr übrig“, sagt die 20-Jährige.
Deshalb hat sie – wie später auch Mario und fast alle Studenten in Estland – einen staatlichen Studienkredit aufgenommen. Maximal 20 000 estnische Kronen, knapp 1 300 Euro, im Jahr gibt es – zu fünf Prozent Zinsen. Die Studenten können den Kredit in kleinen Raten zurückzahlen, wenn sie nach dem Abschluss einen festen Job gefunden haben.
Der Studienkredit allein reicht aber natürlich nicht, um über die Runden zu kommen. Deshalb hat Mario schon vor längerer Zeit einen festen Job als IT-Spezialist beim Kartographischen Institut Estlands angenommen. Dort ist er für das IT-System und die Homepage des Instituts verantwortlich. „Fast alle Studenten arbeiten“, sagt er – allerdings mit einem großen Unterschied zu den meisten ihrer Kommilitonen in anderen Ländern: Sie sind parallel zum Studium schon fest angestellt. Unternehmen sichern sich so bereits rechtzeitig den Nachwuchs. Auch Katrin arbeitet neben ihrem Studium in einer kleinen Softwarefirma in Tallinn. Mario kann sich dank seines Verdienstes jetzt auch eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung leisten, die er kürzlich für knapp 200 Euro gemietet hat – zehn Minuten vom Zentrum entfernt.
Im Herbst soll nun endgültig Schluss sein mit dem Studentenleben. Und dann wird Mario auch deutlich mehr verdienen. Denn die Nachfrage nach jungen IT-Profis hat die Gehälter kräftig nach oben getrieben: Liegt der Durchschnittsverdienst in Estland gerade einmal bei 6 400 Kronen, verdient Mario schon jetzt deutlich mehr. Nach dem Studienabschluss werde er dann „mehr als das Doppelte“ des Durchschnittsgehalts bekommen, ist er sicher. Und nach ein paar Jahren Berufserfahrung erhält er als IT-Spezialist in Estland sogar zwischen 25 000 und 30 000 Kronen. Auswanderungswünsche gibt es deshalb bei den jungen Computer- und Softwarespezialisten kaum: „Ich würde schon gern ein, zwei Jahre nach Deutschland gehen“, sagt Mario, der in der Schule Deutsch gelernt hat. Doch schnell fügt er hinzu, dass er danach wieder nach Estland zurückkommen möchte: „Aber das kann man nicht planen“, sagt er lachend. Klarer sind dagegen andere Ziele für die Zukunft: „Ein Haus und eine Familie wünsche ich mir. Aber ich will nichts überstürzen.“
Dann macht Mario Dampf in einer ganz anderen Sache. Er wolle noch schnell in den Robotics Club des IT-College, sagt er entschuldigend. Wie Katrin hat auch er ein Faible für Roboter. Einmal in der Woche, immer Mittwochs, treffen sich die jungen Enthusiasten, um sich für die Robotex, die estnische Meisterschaft, fit zu machen. „In den vergangenen Jahren haben wir immer den ersten Platz belegt“, freuen sich beide – und lachen ihr optimistisches Lachen.
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gefunden in: handelsblatt.com vom21.07.2006
SÜDAFRIKA: Tafadzwa Mukwashi aus Simbabwe hat zu Hause keine Zukunft - und schlägt sich mit viel Mut im Nachbarland durch
Dem Strudel entronnen
WOLFGANG DRECHSLER | KAPSTADT Wieder so ein Tag. Frühmorgens hat sich Tafadzwa Mukwashi bei der Passbehörde in Kapstadt angestellt, Hitze und Gedränge in der Warteschlange ertragen, gehofft, gebangt. Und nun, am Ende eines langen Tages, schmettert man sie wieder ab. Wieder wird es nichts mit der ersehnten Aufenthaltserlaubnis für Südafrika, die vieles erleichtern würde.
Vor zwei Monaten hätte Taf, wie die 23-Jährige meist genannt wird, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft am Kap beinahe begraben und wäre nach Simbabwe zurückgekehrt. Sie wollte zurück in ihre von Staatschef Robert Mugabe verwüstete Heimat, weil sie im Nachbarland überall auf Ablehnung stieß - und weil ihr das Geld ausging. Doch dann trifft sie Roy Bennett, einen simbabwischen Farmer und Oppositionellen, dem Mugabes "Landreform" alles genommen hat, darunter eine Kaffeefarm und 780 Rinder, und der wegen einer Lappalie ein Jahr in Haft saß. "Roy Bennett hat mich tief beeindruckt", sagt Taf. "Ich habe großen Respekt vor seinem Mut und seiner Zivilcourage." Inspiriert von der Begegnung mit ihm entscheidet sie sich, doch in Südafrika zu bleiben. In Johannesburg, der Wirtschaftsmetropole, will sie einen Neuanfang wagen.
Dabei schien in Simbabwe alles so hoffnungsfroh, als Taf im Dezember 1982 zur Welt kam. Zwei Jahre zuvor hatten Mugabes Freiheitskämpfer die Unabhängigkeit des Landes von den Briten erstritten. Taf gehört also zu den "born frees", den frei Geborenen. Obwohl Taf, wie sie später eher zufällig erfährt, einer Affäre ihres Vaters entspringt, wird sie zunächst voll in die Familie integriert. Ihre Stiefmutter, eine Krankenschwester, bleibt beim untreuen Vater, der für die halbstaatliche Eisenbahn arbeitet. "Scheidungen sind in Simbabwe für Frauen ein schweres Stigma und bedeuten die totale gesellschaftliche Ausgrenzung", sagt Taf. "Und wer als Frau allein lebt, gilt schnell als billig oder Schlampe. Ich habe das selbst zu spüren bekommen."
In der Regierungsschule von Bulawayo, wo die Noten die Sitzordnung bestimmen, sitzt Taf jahrelang stets in der vorderen Reihe. Später geht sie auf eine teure staatliche Mädchenschule. Hier sind Schwarze noch in der Minderheit, doch gehört sie auch hier zu den besten Schülerinnen. Sie liebt Bücher und Französisch, ist Mitglied in einem Debattierclub und singt im Chor.
Lob von den Eltern bekommt sie dennoch nicht. Im Gegenteil: Bis sie 14 ist, muss sie nach der Schule immer direkt nach Hause und darf nicht einmal zu Geburtstagsfeiern gehen. Der Vater ist oft jähzornig und schlägt sie. Taf flieht in eine Scheinwelt, die ihr westliche Fernsehserien vorspiegeln. Um zumindest ab und zu dem strikten Regiment daheim zu entrinnen, engagiert sie sich in der Baptistenkirche, leitet Jugendgruppen, findet neue Freunde - schwarze wie weiße.
Bis zu ihrem 17. Lebensjahr wächst Taf völlig "farbenblind" auf. Erst der Kommentar einer Missionarstochter, Freundschaften zwischen Schwarz und Weiß seien etwas "Böses", schärft ihr Bewusstsein für ethnische Unterschiede: "Zum ersten Mal bemerkte ich, dass sich meine langjährige Freundin mir nur wegen ihrer blonden Haare und blauen Augen überlegen fühlte", sagt sie. Doch Rassismus ist kein weißes Phänomen: Ihre schwarzen Freundinnen hänseln Taf, weil sie mit weißen Kirchenmitgliedern befreundet ist.
Als Mugabe im April 2000 beginnt, die weißen Farmer zu vertreiben, nimmt auch Tafs Leben eine traurige Wende. Kurz vor dem Matrik, dem Abitur, schlägt der Vater wieder zu. Dieses Mal mit einem dicken Holzknüppel und vor Zeugen. Taf besteht noch alle Examen, doch durch die Gewalt ist sie schwer traumatisiert und muss in eine psychiatrische Klinik, wo sie nach einigen Monaten mit der Malerei beginnt.
Zwei Jahre vergehen und es scheint, als würde die junge Frau nicht mehr auf die Beine kommen. Doch Taf rappelt sich abermals auf. Ihre Bilder stoßen auf Interesse, werden sogar ausgestellt. Mit dem Geld aus dem Verkauf legt sie ein dünnes finanzielles Fundament. Weil sie Zahlen liebt, findet sie einen Job als Buchprüferin bei Deloitte & Touche in Bulawayo. Gleichzeitig beginnt sie ein Fernstudium an einer südafrikanischen Universität.
Doch der Niedergang ihres Heimatlandes durchkreuzt alle Pläne. Mugabes Politik lässt die Wirtschaft binnen fünf Jahren um die Hälfte einbrechen, acht von zehn Simbabwern sind arbeitslos. Die Lebenserwartung von Frauen, die vor einem Jahrzehnt noch bei 56 Jahren lag, sinkt auf 34 Jahre - ein beispielloser Einbruch für ein Land, in dem Frieden herrscht. Obwohl Taf mit ihrem Job noch recht gut dasteht, reicht ihr Verdienst nicht aus, um die eigene Wohnung zu bezahlen. Und zurück zur Familie und ihrem gewalttätigen Vater will sie nicht.
Also verlässt sie im August 2005 wie mehr als drei Millionen ihrer Landsleute ihre Heimat in Richtung Südafrika. Am Kap erhält Taf zunächst ein Besuchervisum für sechs Monate. Doch die wahren Probleme haben gerade erst begonnen: Die Südafrikaner werfen den Flüchtlingen aus dem nördlichen Nachbarland vor, ihnen die Arbeitsplätze wegzunehmen. Die Fremdenfeindlichkeit ist weit verbreitet in Südafrika.
In Kapstadt möchte Taf Chemie studieren, doch das Geld aus dem Verkauf ihrer Bilder und einem kleinen Stipendium geht zu Neige. Sie kann die 12 000 Rand (1 500 Euro) für das Studium nicht aufbringen, auch weil sie eine teure Krankenversicherung abschließen müsste. Und weil sie das Studium nicht antritt, verfällt auch ihre Aufenthaltserlaubnis.
Vor sechs Wochen - nach der Begegnung mit Roy Bennett - ist Taf von Kapstadt nach Johannesburg gezogen, in die Stadt des Goldes und so vieler schwarzer Träume. "Joburg hat die Energie und das Geld, um neue Ideen zu unterstützen", hofft Taf. Sie beginnt wieder zu malen, sie kellnert und sie hat genug Geld, um sich für einen Wirtschaftsgrad an der Universität Witwatersrand zu registrieren.
Taf hat wieder Hoffnung geschöpft, steckt voller Pläne: "Ich liebe die Kunst, aber ich möchte einen naturwissenschaftlichen Grad machen und auch am Massachusetts Institute of Technology studieren", sagt sie. Denn Afrika brauche Praktiker und eine neue Infrastruktur. "Wenn ich älter bin und es dem Kontinent besser geht, kann ich mich immer noch ganz der Malerei widmen."
Drechsler, Wolfgang
21. Juli 2006
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gefunden in: handelsblatt.com vom 20.07.2006
ITALIEN: Roberto Piazza möchte endlich auf eigenen Füßen stehen - aber dafür reicht das Geld nicht
"Generazione Mille Euro"
KATHARINA KORT | MAILAND Das Wort "Mammoni" hört Roberto Piazza gar nicht gerne. Zwei von drei Italienern zwischen 18 und 35 Jahren leben noch bei ihren Eltern - und der 28-Jährige ist einer von ihnen. Die Familie lebt in Monza, eine halbe Stunde außerhalb von Mailand. Liebend gern würde Piazza sich abnabeln und auf eigenen Füßen stehen: "Es ist ja nicht so, dass die Italiener alle unbedingt bei der Mama wohnen wollen." Aber bei 800 Euro netto im Monat, die er als Art Director in einer internationalen Werbeagentur verdient, kann er sich die Unabhängigkeit schlicht nicht leisten.
Nicht in Mailand, wo die Miete für Ein-Zimmer-Apartments bei 700 Euro anfängt. Hinzu kommt, dass sich Piazza - wie so viele seiner Altersgenossen - von einem befristeten Job zum nächsten hangelt. Einige Jahre arbeitete er als Programmierer, bevor er sich zum Art Director schulen ließ. Was folgte, waren dreimonatige Praktika bei Werbeagenturen, zunächst unbezahlt, dann für 500 oder 600 Euro im Monat. Bei der Agentur, für die er nun schon zwei Jahre arbeitet und bei der er trotzdem nur einen Jahresvertrag hat, bekommt der Kreative mit dem Dreitagebart und den Rastalocken jetzt 800 Euro netto im Monat.
Damit kommt man in Mailand kaum über die Runden: "Viele meiner Bekannten bekommen noch immer Geld von zu Hause geschickt", erzählt Piazza. Aber bei sechs Geschwistern möchte er das seinen Eltern nicht zumuten. Anfangs versuchte er noch, seinen spärlichen Verdienst abends mit Kellnerjobs aufzubessern. Doch da er in der Agentur auch mal bis elf Uhr nachts oder drei Uhr morgens gefordert ist, gab er den Nebenjob schnell wieder auf.
Die Arbeit als Art Director ist sein Traumjob, deshalb hängt er sich rein. Im September wird er hoffentlich einen neuen Ein-Jahres-Vertrag bekommen - und möglichst 200 Euro mehr im Monat. Dann könnte er endlich mit seiner langjährigen Freundin zusammenziehen, die als Buchhalterin 1 000 Euro verdient.
1 000 Euro - das ist für viele gut ausgebildete Italiener zwischen 20 und Mitte 30 ein normales Gehalt. Das Buch "Generazione Mille Euro" ist einer der Bestseller dieses Jahres. Wohl auch, weil sich so viele darin wiederfinden: Gut ausgebildet, und trotzdem kein Geld. Piazza hat erst vor kurzem ein eigenes Girokonto eröffnet, weil die Kontogebühren in Italien so hoch sind. Da war es günstiger, das des Vaters zu benutzen und in der Familie abzurechnen.
Die Eltern sind der finanzielle Rückhalt vieler junger Italiener. Piazza - Sohn eines Ingenieurs und einer Sekretärin - ist sicher, dass alle seine Kollegen aus eher wohlhabenden Verhältnissen kommen: "Andere können sich den Job gar nicht leisten", sagt er. Zum Glück habe er nicht so viel Zeit, über seine Situation nachzudenken. "Und bei vielen Freunden sieht es ja nicht anders aus."
Eines fällt aber auch Piazza auf: Junge Italiener verdienen wenig, geben aber trotzdem viel Geld für die neusten Handys, schnelle Autos oder schicke Kleidung aus. "Unsere Eltern ermöglichen uns heute mit ihren Ersparnissen ein gutes Leben", sagt Piazza. Seine Generation dagegen spare gar nichts. "Ich weiß nicht, wie es einmal für die Kinder dieser Generation aussehen wird". Um eine eigene Familie hat sich der 28-Jährige bisher nicht gekümmert: "Darüber denke ich im Moment noch gar nicht nach", sagt er. Bei der Geburtenrate liegt Italien zusammen mit Spanien auf den letzten Plätzen innerhalb der Europäischen Union - nicht zuletzt wegen der unsicheren Situation der jungen Erwachsenen.
Wie man die Lage ändern könnte, weiß Piazza allerdings auch nicht. Der Staat sollte ein Minimum an Sicherheit garantieren, damit seine Altersgenossen sich nicht ewig von Job zu Job hangeln müssen, während die Älteren bis zur Rente ihre sicheren Verträge haben, fordert er. Seine Generation verlange gar nicht mehr den Posten auf Lebenszeit, aber zumindest ein Gehalt, das ausreicht, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.
Von den Arbeitnehmervertretern erhofft sich Piazza nichts: "Die Gewerkschaften gehören zu den größten Betrügern", ist er überzeugt. Korrupt seien sie, und für Leute wie ihn setzten sie sich ohnehin nicht ein. "Immer nur Streiks, Streiks , Streiks", schimpft Piazza, der zudem die Staatshilfen für Fiat oder Alitalia kippen würde, wenn er denn in Rom etwas zu sagen hätte.
Ein wenig müsse sich seine Generation jedoch auch an die eigene Nase packen: "In Frankreich, da gehen sie wenigstens auf die Straße und kämpfen", stellt Piazza selbstkritisch fest. "Wir dagegen jammern, aber tun nichts." Allerdings hält er von italienischen Demos überhaupt nichts: Da gehe es immer gleich "um den Weltfrieden und Che Guevara", nicht um konkrete Forderungen. "Aber was hat Che Guevara mit meiner Jobsituation zu tun?"
Kort, Katharina, 20. Juli 2006
Morgen weiter mit "Südafrika" Tafadzwa Mukwashi aus Sibabwe träumt von den Sternen
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| "Little Britain" nach dem Gebet |
gefunden in:handelsblatt.com vom19.07.2006
GROSSBRITANNIEN: Fareena Alam wirbt im Westen für die Muslime - und unter Muslimen für die westlichen Werte
"Little Britain" nach dem Gebet
MATTHIAS THIBAUT | LONDON Vielleicht wird sie mal Kinder haben und mit allem aufhören. "Vielleicht schon bald", sagt Fareena Alam und lacht mit ihrem runden, freundlichen Gesicht, das ganz von dem dunklen Hijab, dem Kopftuch, eingerahmt ist. Aber wirklich überzeugt klingt es nicht, auch wenn der Gedanke für sie Befreiung verheißt: "Oft wache ich morgens auf und wünsche, ich müsste nicht Aktivistin sein", sagt sie. "Ich bin wirklich müde." Und das mit 27 Jahren.
Fareena Alam ist eine von 1,6 Millionen Muslimen in Großbritannien. Und als Chefredakteurin des muslimischen Magazins "Q-News" ist sie zugleich eines ihrer Sprachrohre. Zu dem verabredeten Treffen in einem chinesischen Restaurant kommt sie zu spät. Sie müsse noch eine Buchbesprechung zu Ende schreiben, textet sie entschuldigend aufs Handy. Als Chefredakteurin mag sie einen großen Titel tragen. Aber um im teueren London überleben zu können, muss sie jede Arbeit annehmen. 60 000 Leser erreicht ihr Magazin monatlich, doch leider hat es kaum Anzeigen. "Aber ich kam nicht nach Großbritannien, um reich zu werden, sondern um frei zu sein", erklärt Fareena.
Fareena ist Britin von Geburt und Britin, weil sie es will. Weil sie in London geboren wurde, hat sie die britische Staatsbürgerschaft. Aber kurz nach ihrer Geburt zogen ihre bengalischen Eltern nach Singapur, wo sie aufwuchs. Als sie sich für eine der beiden Staatsbürgerschaften entscheiden musste, fiel ihre Wahl auf das Land, das sie eigentlich nur von Verwandtenbesuchen kannte: "England ist ein Land, wo man alles sein kann, was man will."
In Singapur fing sie an, das Kopftuch zu tragen und organisierte Demonstrationen gegen französischen Atomversuche am Muroroa Atoll. So bekam sie die autoritären Seiten des Regimes zu spüren. Ein paar Monate vor dem 11. September 2001 traf sie in London ein, gerade 21 Jahre alt. Eine Woche später rief sie bei "Q-News" an und bat um einen Job.
Würde sie als Muslimin nicht lieber in einem islamischen Staat leben? "Nein", sagt Fareena ohne lange zu überlegen. "Warum sollen Muslims in muslimischen Ländern leben, wenn sie der Welt so viel zu bieten haben: Humanität, Toleranz, Mitgefühl? Es hat einen Grund, dass ich im Westen geboren bin. Es hat einen Grund, dass ich im Westen lebe. Gott hat es so gewollt."
Früher fühlte sie sich als Weltbürgerin und Muslimin. Heute lehnt sie dieses Selbstbild als "Wattedenken" ab. Sie ist Britin. Und Muslima. Im Heer der männlichen muslimischen Verbandsoffiziellen ist Fareena praktisch die einzige junge Frau im Königreich, die in der öffentlichen Debatte als Muslimin in Erscheinung tritt - im Fernsehen, im Radio und in den Zeitungen. Die Artikel in "Q-News" lesen sich wie eine Gebrauchsanweisung für das tägliche Leben in Großbritannien, obwohl ein Drittel der Leser keine Muslime sind: Welchen prominenten Gelehrten können Muslime heute noch Glauben schenken? Soll ich meine Kinder auf eine religiöse Schule schicken? Hat muslimische Musik das Zeug, einen Hype auszulösen wie die Hits auf MTV? Wann immer Fareena ihre Stimme erhebt, wirbt sie um Verständnis für Muslime. Auf Muslimveranstaltungen unter Muslims wirbt sie um Verständnis für die westliche Gesellschaft.
Im Fernsehen sieht sie am liebsten die respektlose Komödienserie "Little Britain". Und sie trägt das Kopftuch und betet fünfmal am Tag. Sie geht nicht ins Pub, aber nichts liebt sie so sehr wie "Trooping the Colours", die Parade der Queen. Ihren muslimischen Brüdern und Schwestern empfiehlt sie Programme wie "Extreme Makeover - The Home Edition". Dort sieht man, wie amerikanische Familien leben und ihre Häuser von Designerteams umbauen lassen. Alles wunderbare Großfamilien mit wunderbarem Zusammenhalt, findet sie. "Das sollten Muslime sich ansehen, dann merken sie, dass wir kein Monopol auf Familiensinn haben."
Als der Streit um die Mohammed-Karikaturen aus Dänemark tobte, schrieb sie in einem Editorial von "Q-News": "Es gibt Muslime, die verstehen vom Propheten genauso wenig wie dänische Karikaturisten." Sie fand "entsetzlich beschämend", dass Muslime in London auf Plakaten dazu aufforderten, all jene zu "schlachten", die den Islam beleidigen. Es gab die erste Demonstration von Muslimen gegen Muslime in Großbritannien und Fareena fand das gut. Die Debatte sei wichtig: "Muslime denken immer, sie müssten mit einer Stimme sprechen, aus Angst. Scheiß darauf!"
Früher verteidigte sie Selbstmordanschläge von Palästinensern, weil diese keine andere Möglichkeit hatten. Heute lehnt sie solchen "moralischen Relativismus" ab. "Selbstmordanschläge kommen in der Geschichte des Islams nicht vor. Heute sind wir vor allem dafür berühmt." Für junge britische Muslime waren die Londoner Anschläge ein "Weckruf", der die Diskussion über ihre Rolle und ihren Platz in der europäischen Gesellschaft erst ausgelöst habe, glaubt sie.
Manchmal klingt Fareena wie ein Sprachrohr Tony Blairs, der Muslime auffordert, den Extremismus in ihren eigenen Reihen selbst zu bekämpfen. "Stimmt", sagt sie. "Blair macht vieles richtig. Aber der Irakkrieg ist ein Riesenfaktor. Blair hätte sich entschuldigen müssen. Aber er ist einfach zu arrogant." "Q-News" und andere Organisationen haben die Kampagne "Der radikale Mittelweg" gegründet. Progressive, mit dem Westen vertraute Imame und Theoretiker wie Tariq Ramadan, Hamza Yusuf oder Habib Ali werden eingeladen, um den "moralisch und ethisch rigorosen Weg" des Islams zu erklärten - zwischen Fanatismus und Terrorismus auf der einen und Massenkonsum und Umweltkatastrophen auf der anderen Seite.
Fareena hat beobachtet, dass viele Musliminnen, die nach dem 11. September "aus Trotz" das Kopftuch trugen, nun wieder davon abkommen. Sie selbst will das Hijab nicht ablegen, "es definiert mich", erklärt sie. Auch wenn es manchmal eine Barriere darstellt, so wie beim "Observer", wo sie ein halbes Jahr arbeitete und nur auf muslimische Geschichten angesetzt wurde. Was sie wirklich will? "Sehen, wie britische Muslime hier zu Hause sein können - versöhnt mit der britischen Gesellschaft, ein Teil von ihr." Und sie ist sicher, dass sie das erleben wird: "Es gibt keinen Grund zur Panik, denn wir sind jung." Nur die Sache mit den Terroristen, glaubt sie, die wird lange bleiben.
Thibaut, Matthias
19. Juli 2006
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| Spieglein, Spieglein an der Wand: Wie bin ich? |
gefunden in: handelsblatt.com vom 14.07.2006
Handelsblatt Nr. 134 vom 14.07.06 Seite k01
Spieglein, Spieglein an der Wand: Wie bin ich?
Viele Manager glauben, sie wirken diplomatisch und teamorientiert. Doch sie irren. Tatsächlich blenden sie gezielt aus.
LARS REPPESGAARD Es war ein denkwürdiger Auftritt, den Microsofts Top-Manager Steve Ballmer bei einem Firmenfest hinlegte: Hysterisch schreiend und kreischend, tobte der füllige Riese vor fünf Jahren minutenlang über die Bühne, bevor er hechelnd zum Abschluss ins Mikrophon ein heiseres "I loooooove this company" grölte. Im Internet ist das Video von Ballmers "Dance of the Monkeyboy" - wie sein Auftritt später betitelt wurde - millionenfach belacht worden. Noch heute trifft man Microsoft-Mitarbeiter, die sich für das Video mit dem Chef, der sich zum Affen macht, schämen. Dabei wollte Ballmer das Gegenteil erreichen: Er wollte seine Leute motivieren und auf die Loyalität zu Microsoft einschwören.
So wie ihm geht es den meisten Managern. Theoretisch wissen sie zwar, dass Authentizität, Aufrichtigkeit oder Integrität wichtige Führungseigenschaften sind. "Es gibt eine gefährliche Wahrnehmungslücke bei vielen Führungskräften", warnt die Psychologien Dominique Michel-Peres von der Unternehmensberatung Harvest Consultancy in München. Angelehnt an die Methodik der renommierten, weltweiten Globe-Studie zum Thema Führungseigenschaften, hat Harvest 473 Manager zu ihrer Auffassung von guter Führung befragt. Als Gegenprobe - zum Bespiegeln - sammelten die Berater in Deutschland das Feedback von 244 Mitarbeitern. Diese Zweiteilung der Befragung, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt, förderte zu Tage: Eigen- und Fremdwahrnehmung der Manager klaffen gefährlich weit auseinander. Viele Führungskräfte unterschätzen die Auswirkungen, die ihr Verhalten hat. Sie blenden es einfach aus. Hinzu kommt: Mitarbeiter beobachten das Verhalten der Chefs viel kritischer, als es ihnen bewusst ist. Wenn etwa ein Chef glaubt, er wirke durchsetzungsfähig -weil er ab und an seine Ellenbogen einsetzt. Das nehmen seine Leute stattdessen als rücksichtslos und egoistisch wahr. Oder: Viele Manager glauben, sie verhalten sich teamorientiert und diplomatisch - was die Mitarbeiter ganz anders sehen.
Die Umfrage zeigt nicht nur, wie falsch viele Manager die Außenwirkung ihres Handelns einschätzen. Michel-Peres' Fazit: Im Unternehmen geht es viel mehr um menschliche Umgangsformen, als es den meisten bewusst ist. "Wie wichtig es ist, sich diplomatisch und zwischenmenschlich taktvoll zu verhalten, wird oft unterschätzt", warnt sie. Das gilt für die Manager, aber auch für die Personalchefs, die die entsprechenden Führungskräfte ins Haus holen. "Sie stellen Führungskräfte oft allein wegen ihrer fachlichen Kompetenz ein. Wenn die Zahlen halbwegs stimmen, kommen weiche Faktoren bei der Bewertung zu kurz", kritisiert sie. "Dabei wirkt gerade schlechtes Benehmen fatal. Die Folgen von innerer Emigration und Dienst nach Vorschrift zeigen sich erst nach Jahren, wenn es zu spät ist. Krankenstand und Fluktuation sind eher ablesbar."
Die Harvest-Befragung ist nicht die einzige, die zeigt, dass Manager zu wenig auf diese weichen Faktoren geben. Ein weit verbreiteter Fehler von Führungskräften ist, sie auszublenden. Daniel Pinnow, Geschäftsführer der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft in Überlingen, rät Managern, weniger auf Autorität und Insignien der Macht zu pochen. Stattdessen sollte Vertrauen und Empathie ganz oben stehen. Er beobachtet: Unternehmenslenker lernen genau dies sehr viel langsamer als Fachwissen. Der Grund ist, dass sich dieses neue Verständnis von weicherer Führung erst noch durchsetzen muss. "Auch bei Dampfern greifen Kurskorrekturen erst nach längerer Strecke", vergleicht Pinnow.
Bis dahin müssen Führungskräfte einiges tun, fordert Dominique Michel-Peres. " Oft sind ihre Defizite ganz Grundsätzliche wie Kommunikationsschwierigkeiten oder Stilfragen im persönlichen Umgang."
Reppesgaard, Lars |
| Katharina, KIWANIS-Gründungsgruppe Offenburg |
11. April 2006
Katharina Hackmann
Der heutige Tag hat uns allen einen guten Einblick in eine High School innerhalb des “Whiteriver Reservates” gewährt.
Während manche von uns die erste Schulstunde zum Unterricht genutzt haben, verbrachten einige diese lieber vor dem Computer (e-Mail).
Um 9:00 a.m. (Ortszeit) ging es los. Nach einer halben Stunde Fahrt erreichten wir alle froh und munter das sonnige “Whiteriver Reservat” und die Alchesay Falcon High School, wo wir auch gleich herzlichst in Empfang genommen worden sind. Dort wurden uns erst einmal vier Schüler, welche uns später herumführten, sowie zwei Lehrerinnen indianischer Abstammung, die den Tag an der High School für uns Deutsche vorbereitet haben, vorgestellt. Wir wurden für den Rundgang in zwei Gruppen aufgeteilt.
Die Führung durch die Schule war sehr interessant. Wir waren alle von der Groesse des Campus beindruckt. Alleine die Basketballhalle hatte schon ein ganzes Gebäude für sich alleine beansprucht. Mrs. Chadwick musste eingestehen, dass die Basketballmanschaft von dieser Schule besser sei als die der Blue Ridge High School. Weiterhin gab es ein Stadion und ein Baseballfeld.
Nach einiger Zeit wurde der Rundgang, der sich im Besuch der einzelnen Klassen verlief, etwas langweilig. Wir wurden den Klassen als die “neuen deutschen Freunde” vorgestellt und konnten dann Fragen mit diesen austauschen.
Witzig war es festzustellen, dass es dort einen philipinischen Lehrer gibt, welcher Weltgeschichte unterrichtet.
Unsere Führerin meinte, dass sie sogar einen chinesischen - und zwei indische Lehrer an der Schule hätten. Diese Aussage überraschte doch einige aus meiner Gruppe, da in der Regel nur Schueler indianischer Abstammung auf diese Schule gehen.
Doch am Besten war der Apachenunterricht, in dem die Gruppe, in der ich auch war, wohl die meiste Zeit verbrachte. Der Grund: Wir stellten uns auf deutsch vor, damit die Schüler die deutsche Sprache mal hören konnten. Im Gegenzug redete die Lehrerin apachisch, da die Schüler sich nicht trauten, sich uns vorzustellen. Nun waren wir wieder am Zug. Sie zeigte uns, wo die apachischen Namen für die Monate und Zahlen standen, welche wir laut vorlasen. Sobald man einmal die Laute einigermaßen verstanden hatte, ging das Lesen recht leicht von der Hand. So heisst September – Binist`ancho.
Zum Lunch wurde uns allen ein traditioneller indianischer Tanz gezeigt. Einige von uns wurden sogar in die Tanzkünste eingefuehrt und durften die ersten zwei Minuten am Rand – zwischen den Mädchen – mittanzen. Die Glücklichen waren Simon, Anne-Kathrin, Christian und Michaela. Die Musik von den indianischen Trommeln und der Tanz zog uns alle in seinen Bann. Es war atemberaubend und faszinierend zugleich. Danach kosteten alle vom selbstgemachten “fry bread”. Dies ist ein gebackener Teig mit einer Art Aufstrich aus Bohnen und Reibekäse darüber. Der erste Biss war doch gewöhnungsbedürftig, aber es schmeckte eigentlich gar nicht mal so schlecht. Fuer die Meisten von uns waren die Bohnen aber wohl doch zu gesund, siehe Kathrin (*g*). Sie strich ganz geschickt den Bohnenaufstrich ab und ass nur das Brot. – Auch eine Möglichkeit.
Nachdem wir gestärkt waren, gaben uns die zwei Trommler eine Einführung in ihre Kultur. So erfuhren wir beispielsweise etwas über die Stammesaufteilung. Es sind vier Gruppen: the Bears, the Eagles, the Butterflies und the Road-Runners. Diese dürfen nicht innerhalb ihres Clans heiraten. Die Kinder gehören immer zum Clan der Mutter.
Eine wichtige Zeremonie, allerdings nur fuer die Mädchen gedacht, ist der sogenannte “sunrise dance”. Hierbei gibt es zwei unterschiedliche Ausführungen. Auf der einen Seite die kleine Zeremonie (sie dauert einen Tag) und auf der anderen Seite die große, welche drei Tage andauert. Bei der kleinen Zeremonie tanzt die Familie 16 Tänze, bei der grossen 60 Tänze. Die Entscheidung, welche von ihnen durchgeführt wird, trifft die betroffene Tochter selbst. Es wird der Übergang vom Mädchen zur Frau gefeiert. Bei dieser Zeremonie sucht die ganze Familie max.vier Paten aus, die das Mädchen auf dem Weg des Erwachsenwerdens begleiten sollen. Das ganze Fest bedarf einer aufwendigen und langen Vorbereitung. So wird diejenige, für die das ganze stattfindet, vorher von der eigenen Familie und den Paten verwöhnt. Traditionell gehört dazu eine Massage. An diesem Fest trägt das Mädchen ein traditionelles Kleid aus Leder mit Glöckchen daran.
Die traurige Wahrheit ist allerdings, dass die meisten Familien ihren Töchtern eine solche Zeremonie nicht bieten koennen, da die Armut doch sehr verbreitet ist. Die Schule ist zwar klasse ausgestattet und technisch auf einem besseren Stand als Blue Ridge, aber auch nur, weil sie Minderheitenzuschüsse vom Staat erhalten. Weiter Probleme ausserhalb der Schule sind Drogen, Alkoholkonsum, … (laut Mrs. Chadwick).
Bevor wir die Schule verliessen fragte ich die betreuende Lehrerin noch, ob sie mir evtl. per e-mail ein paar apachische Ausdruecke und Wörter schicken könne, da mich die Sprache sehr fasziniert hat. Sie gab mir freundlicherweisse gleich ein ganzes Wörterbuch, welches von ihren Großeltern verfasst wurde.
Insgesamt hat der ganze Besuch doch allen gefallen und ich fand diesen sehr aufschlussreich. Somit haben wir wenigstens einen Vergleich zwischen zwei High Schools in Arizona.
Den Rest des Tages verbrachten wir unterschiedlich. Manche gingen Baseballspielen, andere gingen ins Kino.
person of the day:
Danny unser Busfahrer, der uns bereits an unserem Wochenendtrip fuhr und immer für gute Stimmung sorgte.
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Girls'Day ThemaAm 27. April 2006 ist Girls'Day - Mädchen-Zukunftstag!
Unternehmen und Organisationen in ganz Deutschland öffnen am 27. April 2006 ihre Tore, um Mädchen Einblicke in spannende technische und naturwissenschaftliche Berufsbereiche zu ermöglichen. Mädchen und junge Frauen wählen ihre Ausbildung aus einem sehr eingeschränkten Berufswahlspektrum und nehmen dadurch nicht alle Chancen, die ihnen das Berufsleben bietet, wahr.
Am Girls'Day haben Mädchen ab Klasse 5 Gelegenheit, einen Tag lang in Berufe zu schnuppern, die bisher eher von Männern dominiert sind. In diesem Jahr geht der Aktionstag in die sechste Runde. Mit fast 7.000 Veranstaltungen und über 127.000 Teilnehmerinnen in ganz Deutschland stellte der Girls'Day im vergangenen Jahr einen neuen Beteiligungsrekord auf.
Hier können Unternehmen und Organisationen ihre Girls'Day-Veranstaltungen eintragen und Mädchen nach Aktionen suchen
http://www.girls-day.de/aktool/ez/eventsuche.aspx
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