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20/08 2006
 HIV-Ausbreitung
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Handelsblatt Nr. 158 vom 17.08.06 Seite 9
 
. . . ohne dass er's mitbekommt

Afrikas Männer sind für die Ausbreitung des HI-Virus mitverantwortlich, die Forschung sucht nach Lösungen

WOLFGANG DRECHSLER | KAPSTADT Über Sex wird dieser Tage auf einem neuen Niveau diskutiert. Niemand zuckt mehr zusammen, wenn, wie jetzt auf der 16. Internationalen Aids-Konferenz in Toronto, eine überdimensionale Vagina auf der Leinwand erscheint.

Die neue Offenheit hat einen Grund: Im Kampf gegen Aids setzt die Forschung heute große Hoffnung auf so genannte Mikrobizide. Dabei handelt es sich um chemische Verhütungsmittel und Virenkiller, die Frauen als Salbe, Gel oder Zäpfchen vor dem Sex in die Vagina einführen und sie vor der Ansteckung mit dem HI-Virus schützen - als Alternative zum Kondom. Damit der Partner davon möglichst nichts bemerkt, müssen diese Anti-Aids-Gels zudem unsichtbar und geruchlos sein.

Obwohl Forscher seit Jahren nach einem Impfstoff gegen die tödliche Immunschwächekrankheit suchen, gibt es bislang nur zwei sichere Methoden gegen eine Infektion mit dem HI-Virus, der Aids verursacht: Enthaltsamkeit oder die Verwendung eines Kondoms. Beide Methoden sind jedoch im besonders hart von der Aids-Epidemie betroffenen Afrika kaum anwendbar. Wenige Frauen wagen es in den stark patriarchalisch geprägten Gesellschaften, ihren Partner um den Gebrauch eines Kondoms zu bitten, selbst wenn dieser HIV-positiv ist, wie Unaids schreibt, die Anti-Aids-Initiative der Vereinten Nationen.

Rund 25 Millionen der weltweit fast 40 Millionen HIV-positiven Menschen leben in den 48 Ländern südlich der Sahara. Dennoch sind hier auch 25 Jahre nach der Entdeckung des Virus Enthaltsamkeit und Treue vielerorts undenkbar, weil das dem traditionellen Männlichkeitsbild widerspricht. Babatunde Osotimehin, Leiter des Aids-Komitees in Nigeria, bringt es auf den Punkt: "Mädchen und Frauen können bei uns typischerweise nicht mitreden, wann, wo oder mit wem sie Sex haben." Und Afrikanerinnen können natürlich auch nicht durchsetzen, dass ihr Partner ein Kondom benutzt. Lori Heise von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt zu bedenken, dass es in Afrika weithin akzeptiert ist, wenn Männer ihre Frauen bei Ungehorsam schlagen. In Äthiopien war die Akzeptanz mit fast 80 Prozent besonders hoch, in Tansania mit 50 Prozent etwas geringer.

In Südafrika wurde gerade einer der beliebtesten Politiker, Jacob Zuma, vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Der frühere Vizepräsident des Landes hatte sich mit Verweis auf "kulturelle Gründe" verteidigt: Es sei in seiner Zulu-Volksgruppe unzulässig, sich von einer sichtbar erregten Frau abzuwenden. Für Kopfschütteln sorgte aber vor allem sein Eingeständnis, wissentlich ungeschützten Sex mit der HIV-positiven Frau gehabt zu haben. Zuma, der früher sogar das nationale Aids-Programm leitete, begründete dies damit, dass das Ansteckungsrisiko für Männer deutlich geringer als für Frauen sei, zumal er nach dem Sex gleich geduscht habe.

Trotz aller Aufklärungskampagnen gilt der Kondomgebrauch in Afrika heute noch als Makel, weil er angeblich Promiskuität suggeriert. "Wir baden ja auch nicht in unseren Socken", begründet ein Minenarbeiter seinen Verzicht auf Kondome. Kein Wunder, dass auf dem Schwarzen Kontinent ganz überwiegend Männer für die schnelle Ausbreitung des Virus verantwortlich sind. Viele verdienen ihren Lebensunterhalt als Wanderarbeiter, gehen dabei fremd, schlafen mit Prostituierten und stecken dann die Ehefrauen oder Freundinnen an. Außerdem sind sexuelle Themen unter Schwarzen weitgehend tabu. Sexualerziehung findet oft weder in Familien noch in Schulen statt.

Gerade in Afrika sind deshalb immer mehr Frauen von Aids betroffen. Renate Bähr, Vize-Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW), spricht von einer zunehmenden "Feminisierung" von Aids. In den Ländern südlich der Sahara sind inzwischen nahezu 60 Prozent der HIV-Infizierten im Alter von 15 bis 49 Jahren Mädchen und Frauen. In der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren liegt ihr Anteil inzwischen sogar bei 74 Prozent. Weltweit leben sogar 90 Prozent aller Frauen mit Aids in Afrika. Eine noch unveröffentlichte Studie über die Todesursachen in Südafrika belegt, dass sich die Sterblichkeitsrate von Frauen zwischen 20 und 39 hier zwischen 1997 und 2004 mehr als verdreifacht hat. All dies hängt eng mit dem geringen wirtschaftlichen und sozialen Status der Frauen zusammen.

Die Aids-Forschung setzt daher in Mikrobizide vor allem deshalb so große Hoffnung, weil sie mehr als alle bisherigen Ansätze den Schutz der Frau in den Mittelpunkt rücken und präventiv wirken. In einem aktuellen Feldversuch muss ein halber Teelöffel eines durchsichtigen Mikrobizid-Gels etwa eine Stunde vor dem Verkehr in der Vagina verteilt werden, um sechs Stunden zu schützen. Die Mikrobizide bilden eine unsichtbare Barriere gegen das HI-Virus und andere Erreger.

Zunächst gilt es jedoch, stärker als bisher in der Forschung kulturelle Unterschiede zu berücksichtigen. Frauen, die das Anti-Aids-Gel in den USA benutzten, klagten darüber, dass ihr Geschlechtsorgan nach der Anwendung zu feucht sei - stärker jedenfalls, als es bei sexueller Erregung normal ist. Die meisten wünschen sich ein Mittel, das vom Partner als solches nicht bemerkt wird. Eine übermäßig starke Feuchtigkeit beim Geschlechtsverkehr dürfte vor allem in Afrika für gravierende Probleme sorgen, weil viele Männer hier den so genannten "dry sex" bevorzugen, in dem sie offenbar ein Indiz für die vermeintliche Treue ihrer Partnerin sehen. "Wir wollen in jeden Fall eine billige, effiziente, leicht anwendbare und weithin akzeptierte Methode entwickeln, mit der sich Frauen gegen Aids aber auch gegen die in Afrika weit verbreiteten Geschlechtskrankheiten schützen können", sagt Helen Rees von der HIV-Abteilung der Universität Witwatersrand in Johannesburg.

Noch ist es jedoch nicht so weit. Weltweit, so Rees, werde derzeit an mehr als 100 unterschiedlichen Mikrobiziden geforscht. Nur fünf Wirkstoffe, die sich in Labor- und Tierversuchen bewährt haben, werden derzeit in sechs größeren Studien weltweit am Menschen getestet, um später womöglich die Zulassung zu erhalten. In Südafrika, einem Hauptforschungsfeld, werden gleich an verschiedenen Orten auf drei Jahre angelegte Tests unternommen, die äußerst umfangreich, zeitaufwendig und teuer sind. Sollten sie erfolgreich verlaufen, könnten die ersten Anti-Aids-Gels in etwa fünf oder sechs Jahren auf den Markt kommen, mit Glück schon etwas eher.

Hundertprozentigen Schutz können die Anti-Aids-Cremes allerdings nicht garantieren. Erst kürzlich wurde zum Beispiel bekannt, dass ein Präparat, das auf Limonensaft basiert, nur bei einer solch starken Konzentration wirkt, dass es dabei die Außenwand der Vagina zerstört, was dem Aids-Virus Tür und Tor öffnen würde. Auf dem weltweit größten Mikrobizid-Kongress in Kapstadt beklagten die Teilnehmer im April, dass ein effektives Anti-Aids-Gel länger als nötig auf sich warten lasse. Zum einen liegt dies daran, dass die Forschung in den neunziger Jahren verschlafen wurde, zum anderen an den noch immer begrenzten Mitteln.

Ein Grund für die vergleichsweise geringen Zuflüsse scheint darin zu liegen, dass Mikrobizide im Westen wohl weit weniger Anwendung finden als in afrikanischen Gesellschaften, was das geringe Interesse der Pharmakonzerne an einem größeren Forschungsetat erklärt. Bislang stammt das meiste Geld für die Mikrobizid-Forschung jedenfalls aus staatlichen Quellen.

Andere kritisierten die Weisung der US-Regierung, mindestens ein Drittel der für die Aids-Bekämpfung zur Verfügung gestellten Mittel zur Förderung sexueller Enthaltsamkeit und Treue auszugeben. In einigen Entwicklungsländern, so wird moniert, fehle dadurch das Geld für andere, vielversprechendere Programme - allen voran die Weiterentwicklung der Mikrobizide.

Drechsler, Wolfgang

 
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