Kinder im Müll-über die Armut in Nicaragua
Im gewaltigen Schatten der Flutwelle, die Südostasien verwüstete, sind die kleineren, alltäglichen Katastrophen nur noch schwer auszumachen. Um so wichtiger ist es sie nicht aus den Augen zu verlieren. Unterernährung, mangelnde medizinische Versorgung, Verwahrlosung – schlicht Armut tötet schleichend, aber noch immer scheinbar genauso unaufhaltsam, wie es Naturkatastrophen tun, Tag für Tag Hunderttausende in den ärmsten Teilen der Erde. Ein solcher Fall ist, das nach Haiti ärmste Land Lateinamerikas, Nicaragua. Während meines einjährigen Zivildienstes in einem Heim für schwererziehbare Jugendliche hatte ich reichlich Gelegenheit über meine Arbeit, aber auch durch das gewöhnliche Elend am Wegesrand, mehr über die unglaubliche Armut zu erfahren, die so oder ähnlich das Leben des größeren Teiles der Menschheit bestimmt. Wie immer sind vor allem Kinder und Jugendliche die Leidtragenden, denn mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Landes ist jünger als 15. Ein Zustand, der sich so schnell nicht ändern wird - die Geburtenrate ist mit 3,2 im Landesdurchschnitt und bis zu 5,7 Kindern pro Familie im ländlichen Norden die höchste in ganz Mittelamerika.
Es sind Kinder, die in eine mehr als unsichere Zukunft starten. Da die Kosten für eine solide Bildung die Möglichkeiten vieler Familien übersteigen, können oft nicht alle Kinder, und wenn, dann nur für eine begrenzte Zeit, die Schule besuchen. Die dadurch fehlende Perspektive in Verbindung mit dem Auseinanderfallen der Familien, besonders in den Slums der Vorstädte, der häuslichen Gewalt, den Drogen und der Kriminalität führen dazu, dass die Zahl der Straßenkinder rasant steigt. Managua, die Hauptstadt Nicaraguas, eine Metropole mit einer Millionen Einwohnern, die seit dem großen Erdbeben von 1972 ihr Zentrum verloren hat und wie eine einzige gigantische Vorstadt wirkt, formt die ideale Bühne für diese soziale Entwicklung. Landflucht und rasches Bevölkerungswachstum ließen endlose Wellblechsiedlungen entstehen, die ihren Einwohnern weder Strom und fließend Wasser noch Arbeit bieten. Es sind rechtsfreie Viertel, in denen nur der Drogenhandel einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen scheint. Um sich in einer solchen Umgebung Halt zu schaffen schließen sich die Kinder der Straße zu Banden, sogenannten „Pandillas“ zusammen. Mit Diebstählen, Dealen und Betteln halten sie sich über Wasser. Klebstoff schnüffeln und wilde Schlachten mit anderen Pandillas sind ihre Freizeitvergnügen. Es vergeht kein Tag, an dem „La Prensa“ die größte Tageszeitung des Landes nicht von entstellten Leichen Jugendlicher berichtet, die jeden Tag aufs Neue in den staubigen Straßen gefunden werden. Jene, die an Tuberkulose, Dengue-Fieber oder Mangelernährung sterben, sind sowieso vergessen. Denn der Staat hat sich aus seiner sozialen Verantwortung weitestgehend zurückgezogen und überlässt internationalen Organisationen das Feld. Deren Hilfe gestaltet sich schwierig und droht oft an Bürokratie, Korruption oder einfach auch an der schieren Größe des Problems zu scheitern. Ein Beispiel sind die Menschen, die auf „La Churreca“, Mittelamerikas größter Müllhalde leben. Hunderte, auch unter ihnen viele Kinder wohnen, leben, essen hier im Müll, durch den Müll, aus dem Müll. Bei sengender Hitze mit einem Plastiksack und einem Stock bewaffnet suchen sie in den Resten der Zivilisation nach Metall, dass sie verkaufen können, basteln sich Schuhwerk aus alten Reifen oder suchen einfach nur nach etwas Essbarem. Hilfsorganisationen haben dort selten und nur sehr begrenzt helfen können und so wird dieser Ort wohl weiterhin Kindergarten und Schule für Viele sein.
Besserung der Armut ist zumindest in Managua kaum zu erwarten. Zwar kommen durch Tourismus und Industrie durchaus neue Investitionen in das Land, doch die sich ansiedelnden ausländischen Betriebe profitieren eher von der billigen Arbeitskraft und tragen daher kaum zur Änderung der Zustände bei. Und der Tourismus ist auf jene Gebiete beschränkt, die reizvoll sind und das lässt sich von „La Curreca“ und dem größten Teil Managuas nur schwerlich sagen. Es wird sich in den kommenden Jahren zeigen, ob der Wandel, denn man trotz Allem auch in Nicaragua etwas spüren kann, seinen Weg bis zu den stinkenden Abfallhaufen der Hauptstadt finden wird.