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19/03 2006
 Young Euro Theatre LABORATORY 06

Was wäre, wenn ...
Inszenierung
... Menschen noch einmal ganz von vorn anfangen würden? Wo ist vorn?
... Jugendliche eine Welt nach ihren Vorstellungen und Fähigkeiten gestalten würden?
... alle Nationen in ein vereintes Europa mitnähmen, was erhaltenswert ist und zurückließen, was sie nicht brauchen?
... alle ihre Vorstellungen von Gesellschaft miteinander verbinden würden?
... die Erfahrungen der Vergangenheit für die Gestaltung einer friedlichen und glücklichen Zukunft genutzt würden?
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27/11 2005
 Grandios, Isabell Huppert im Berliner Festspielhaus
gefunden in:© Leipziger Volkszeitung vom Samstag, 26. November 2005

Isabelle Huppert als Frau, als Gesicht und als Text

Es gibt solche Abende. Wenn auch sehr selten. Man geht ins Theater, mit einer gewissen Erwartung: an das Stück, an die Protagonisten, auch an sich selbst. Man hofft ja darauf, dass man hinterher ein Anderer ist, oder dass sich irgend-etwas in der Wahrnehmung der Welt geändert hat.

Dieser Tage hat sich dieses Seltene ereignet, im Haus der Berliner Festspiele: Das Theater hat diejenigen, die es besucht haben, verändert. Für Sekunden steht alles still. Die Zeit, der Raum, die Welt. Und mittendrin diese Frau, wie versteinert. Völlig erschöpft, vermutlich am Rande des Zusammenbruchs. Physisch wie psychisch. Isabelle Huppert. Vielleicht eine der beeindruckendsten Darstellerinnen, die man in der jüngeren Vergangenheit erlebt hat. Unfasslich, was sie soeben geleistet, und vor allem: wie sie es geleistet hat, nein: zur Vollendung gebracht.

Das Stück, das sie spielt, verlangt in gewisser Weise danach. "4.48 Psychose" ist das letzte Drama von Sarah Kane. Fünf Tage vor ihrem Suizid überreichte sie, die nicht einmal 29-jährige hochmögende Dramatikerin, ihrer Agentin das fertige Manuskript. Das war im Februar 1999. Und irgendein arroganter Kritiker einer großen deutschen Zeitung meinte damals, es würde nicht viel bleiben von ihrem Werk. Tja, so kann man sich irren.

Denn hier, an diesem tristen Novemberabend, beim Festival "spielzeiteuropa", lebt das Werk, lebt zumal dieses Drama, das man durchaus als opus summum der britischen Autorin begreifen kann - wenn es auch schwer fällt, die Dimensionen, die darin enthalten sind, ganz und gar zu begreifen; zu tief reicht der Abgrund, um ihn ganz zu schauen. Eine leere Bühne, schwarzer Kasten, mehr braucht es nicht. Claude Régy, der "4.48 Psychose" 2002 im Pariser Thé‰tre des Bouffes des Nord herausbrachte und dessen Inszenierung nun in Berlin gastiert, hat das begriffen; seine Lösung ist schlicht genialisch zu nennen. Weil sie alles, was das Stück einfordert, in die Tat umsetzt. Weil sie die Eitelkeit des Regisseurs außer Kraft setzt. Weil sie dem Wesen des Textes auf den Grund geht.

Ein anthrazitfarbener, durch diversifizierenden Lichteinschlag transparent gemachter Vorhang trennt die weibliche Person, die in der Mitte des Raumes steht, von dem Mann in ihrem Rücken. Gérard Watkins ist der Psychiater aus dem Stück. Aber er ist mehr. Er ist Liebhaber, Freund, Bruder, Betrachter. Und er ist das Publikum, das sich Sarah Kane vorgestellt haben mag. Er ist der Spiegel, in den sie schaut. Der Spiegel, der sie fragt, hinterfragt. Der ihr Innerstes unter die Lupe legt.

Watkins trägt eine rote Stoffhose, ein orange-leuchtendes, kurzärmeliges T-Shirt. Isabelle Huppert, seitlich vor ihm, eine braun schimmernde Lederhose und ein blaues, kurzärmeliges T-Shirt. Auch sie ist nicht nur eine Figur. Sie ist Frau, Kind, Mädchen, ist Gesicht, Geist, Materie. Sie ist Materie mit Geist, sie ist sogar Geist ohne Materie. Kurz: Sie ist vieles. Aber vor allem eines: Essenz. Textuelle Essenz. Wenn an einigen Stellen in "4.48 Psychose" vom Verschwinden die Rede ist, dann wissen wir mit einem Mal, was das meint: dieses völlige Verschwinden des Körpers im Text.

Es ist faszinierend. Wir sehen Theater, aber kein Schau-Spiel. Keine Bewegung. Keine Aktion. Wir sehen Text. Nichts anderes als das: Text. Isabelle Huppert ist dieser Text. Starr wie eine Säule steht sie dort, meist von einem Lichtrechteck gerahmt, die Beine in den Bühnenboden geschraubt, die Arme an den Körper geschmiegt, beinahe daran gedrückt, die rotblonden Haare zu einem mehr als strengen Zopf am Hinterkopf zusammengebunden. An manchen Textstellen spreizt Isabelle Huppert den kleinen Finger der linken oder der rechten Hand ab. Ein Zeichen, winziges Signal. Ansonsten bleibt sie bewegungslos. Nur die Gesichtsmuskeln und die Stimmbänder arbeiten. Einhundertunddrei Minuten lang. Erst in den letzten beiden öffnen sich die Hände. Wenn Huppert sagt: "Schauen Sie mir zu."

Und so geschieht das kleine Wunder. Es ist ohne Zweifel Isabelle Huppert, die da vorne auf der Bühne steht. Doch mehr als einmal glaubt man das nicht. Weil der Mensch, der dort steht und spricht und nichts anderes tut, mehrere Metamorphosen durchläuft. Wohl kaum je zuvor haben wir im Theater eine solche Wandlung gesehen, die allein durch veränderte Mimik möglich wird. Das vielleicht ist das eigentlich Unglaubliche an diesem Abend. Dass der Text von Sarah Kane, der das Unbedingte sucht, der zwischen Leben und Tod hin und her pendelt, um sich dann dafür zu entscheiden, dass es keinen Unterschied gibt zwischen Leben und Tod, derart sichtbar gemacht ist.

Sarah Kane beendete ihr Leben mit einiger Wahrscheinlichkeit, weil sie es zu sehr liebte. Isabelle Huppert setzt ihr nun das liebende Denkmal. Und ein bisschen ist sie selbst eines. Grandios.

Vorstellungen: heute (20 Uhr) und morgen, Sonntag (17 Uhr); Infos & Karten unter Tel.: 030/25489100;
 www.berlinerfestspiele.de
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