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07/12 2005
 Schaffung von Elite-Universitäten
gefunden in: handelsblatt.com vom 7.12.05


Wirtschaft will ein „deutsches Berkeley“
Erste Versuche für mehr Wettbewerb an deutschen Hochschulen gibt es zwar. Gemessen an den Elite-Unis der Welt geht es hier zu Lande jedoch noch gemütlich zu.

BARBARA GILLMANN | BERLIN
Die deutschen Arbeitgeber setzen sich für die Schaffung von Elite-Universitäten in Deutschland ein. „Die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft wird immer stärker durch den Mangel an qualifiziertem Nachwuchs bedroht“, warnte der Präsident der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Dieter Hundt, gestern in Berlin. Die Wirtschaft vermisst vor allem „sichtbare Leuchttürme“ in der deutschen Hochschullandschaft. Deshalb muss schnell „ein deutsches Berkeley“ her, forderte Hundt auf einer Tagung des BDA und des Wissenschaftsforums des Pharmaunternehmens Altana. Was die staatliche kalifornische Elite-Uni geschafft habe, müsse auch in Deutschland machbar sein.

Dafür fehlt jedoch bislang der nötige Rahmen, mahnen Arbeitgeber und Hochschulrektoren. Zwar haben Bund und Länder die Exzellenzinitiative gestartet. Damit sollen die Hochschulen, die in einem Wettbewerb siegen, über sechs Jahre 1,9 Mrd. Euro zusätzlich erhalten. Das ist ein Anfang, aber lange nicht genug, mahnte Altana-Vorstandschef Nikolaus Schweikart: „Es gibt keine einzige Spitzenuni auf der Welt, die ausschließlich staatlich finanziert, behördlich geregelt und gebührenfrei ist, Professoren Dauerarbeitsplätze bietet und dem Zwang unterliegt, alle Studenten aufzunehmen“, beschrieb der Manager den deutschen Normalfall.

Ganz anders Berkeley: Der Jahresetat von 1,4 Mrd. US-Dollar stammt zu drei Vierteln aus nicht-staatlichen Quellen, die Gebühren für die 33 000 Studenten liegen zwischen 3 300 und 12 000 Dollar je Semester, unter den Professoren finden sich acht Nobelpreisträger, in internationalen Rankings rangiert Berkeley auf Platz vier.

Das Geheimnis jedoch sei der „sehr viel schärfere Wettbewerb“, ist Eicke Weber, Materialwissenschaftler in Berkeley und Vertreter der dortigen deutschen Professoren, überzeugt. Der sorge dafür, dass die Professoren „ihren Hintern hochkriegen“, denn „in Berkeley bekommen sie keine Ausstattung, keine Assistenten gestellt, das müssen sie sich alles durch Drittmittel beschaffen“. So erkläre sich auch, warum Deutschland zwar ebenso viel Promovierte habe wie die USA, aber ungleich weniger Nobelpreisträger.

In Deutschland hingegen ist Wettbewerb noch reichlich ungewohnt. So hat der neue Exzellenzwettbewerb, dessen Gewinner im kommenden Jahr ausgewählt werden, zwar enormes Engagement und Kreativität in den Hochschulen ausgelöst. Doch am Ende werden die Verlierer in der Mehrzahl sein. „Wir hoffen, dass das nicht zu Frustration und Demotivation führt“, sagt die Vizepräsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel.

Im Kampf gegen die andauernde Unterfinanzierung werden die Hochschulen nicht umhinkommen, sich selbst zusätzliche Geldquellen zu erschließen: durch Gebühren von den Studenten, das Einwerben von Drittmitteln und „den noch immer brachliegenden Weiterbildungsbereich“, mahnt Hundt. Gerade durch die demographische Entwicklung biete sich hier ein riesiger Markt. In den Unternehmen steige die Bereitschaft, engagierten Mitarbeitern einen berufsbegleitenden Masterabschluss zu ermöglichen. „Dafür jedoch müssen die Hochschulen attraktive Angebote platzieren“, fordert der BDA-Präsident. Flächendeckend soll das zweistufige Bachelor-/Mastersystem zudem erst 2010 eingeführt sein.

Bei den Drittmitteln geht es vor allem um Forschungaufträge aus der Wirtschaft. Bisher ist dies einer der wunden Punkte – denn hier hinken die Hochschulen meist außeruniversitären Organisationen wie Fraunhofer und Max Planck hinterher. Ein Ziel der Exzellenzinitiative ist daher, die Kooperation zwischen Hochschulen und diesen relativ gut ausgestatteten Organisationen zu fördern.

Zumindest in der Automobilindustrie und der Biotechnologie „nimmt die Distanz zwischen Wirtschaft und Hochschulforschung ab“, stellt Altana-Chef Schweickart fest. „Es fehlt aber die Bereitschaft der Unis, ihr Wissen auch kommerziell zu nutzen.“ So erwirtschafte die Spitzenuniversität Harvard jährlich 1,7 Mrd. Dollar, „15 Prozent davon aus Lizenzen“.

Je erfolgreicher die Absolventen einer Universität, desto höher ist der Rückfluss: „In den USA kommen viele Forschungsaufträge von ehemaligen Studenten, die diese an ihre alte Alma Mater geben“, berichtet Schweickart. „Hier entsteht eine lebenslange Kommunikation.“ In Deutschland hingegen steckt das Alumni-Wesen, also der institutionalisierte Kontakt zwischen Hochschule und Absolventen, noch in den Kinderschuhen.

Vorbild für deutsche Hochschulen in Europa sollte auch die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) in Zürich sein, die drei Nobelpreisträger in ihren Reihen zählt, meint Arbeitgeberpräsident Hundt. Auch die ETH bekommt lediglich 150 Mill. Euro jährlich vom Staat, weitere 250 Mill. schöpft sie aus privaten Quellen.

Der Präsident der ETH, Olaf Kübler, setzt bei der Elitenbildung vor allem auf „aktive Rekrutierung“. Mit privaten Geldern finanziert er nach dem Vorbild der Wirtschaft Assessment-Center für die Bewerber. Dennoch wird niemandem der Zutritt verwehrt, nach einem Jahr folgt jedoch eine harte Prüfung. Von denen, die übrig bleiben, „kommen dann 90 bis 95 Prozent zum Ziel“. Von permanenter Selektion hält Kübler nichts: „Wer unter Existenzangst studiert, kann kein Selbstvertrauen entwickeln.“ In Deutschland liegt die Abbrecherquote bei rund einem Viertel. Neuerdings können die Hochschulen zwar bis zur Hälfte der Studenten selbst auswählen. Dieses Recht wird bisher jedoch kaum genutzt.
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