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07/12 2005
 Wem gehört das Wissen der Welt?
gefunden in: handelsblatt-ePaper vom 7.12.05

Seit Google den Aufbau einer digitalen Bibliothek gestartet hat, tobt der Kulturkampf um das Gedächtnis der Menschheit


EVA-MARIA SCHNURR | HAMBURG
Wer an Bibliotheken denkt, sieht Büchertempel vor sich. Regale aus dunklem Holz, staubige Buchrücken, vergilbtes Papier. Es könnte jedoch sein, dass man in einigen Jahren nur noch Internetseiten vor dem inneren Auge hat. Seit sich die amerikanische Suchmaschinenfirma Google für Bücher interessiert, ist die Welt der Bewahrer des literarischen Erbes der Menschheit aus den Fugen geraten.

15 Millionen Bücher will das kalifornische Unternehmen bis 2015 digitalisieren. Internetnutzer sollen Informationen künftig nicht nur auf Web-Sites, sondern auch in den Volltexten eingescannter Bücher finden können, verspricht Google. Gestartet hat das Unternehmen mit Werken, die Verlage ihm zur Verfügung stellen. Und mit solchen aus den Bibliotheken der Universitäten Stanford, Harvard, Oxford und Michigan sowie der New York Public Library. Irgendwann einmal sollen alle existierenden Bücher im Netz stehen und über „Google Book Search“ zu finden sein.

Ein Traum? Oder doch eher ein Albtraum? Das Projekt sei ein Quantensprung, vergleichbar mit der Erfindung des Buchdrucks, schwärmt Ronald Milne, Chef-Bibliothekar der Oxforder Bodleian-Bibliothek. Von ungeahnter Demokratisierung des Wissens ist die Rede, weil künftig auch Nutzer aus Entwicklungsländern Zugriff auf die Bibliotheksbestände hätten. Google-Konkurrenten Microsoft und Yahoo starteten ein gemeinsames Gegenprojekt; sie wollen 100 000 Bände der British Library einscannen.

Doch noch lauter als die Jubelrufe schrillen die Proteste. Der amerikanische Autorenverband Authors Guild reichte ebenso Klage gegen das Projekt ein wie der amerikanische Verlegerverband Association of American Publishers – sie fürchten, dass Google Urheberrechte verletzt.

Der lauteste Protest kommt aus Frankreich. Jean-Noël Jeanneney, Direktor der französischen Nationalbibliothek, warnt davor, das kulturelle Erbe Europas könne in Vergessenheit geraten, weil nicht-englischsprachige Bücher auf Googles Agenda eine untergeordnete Rolle spielten. Kultur und Wissen würden durch Google weiter amerikanisiert und zudem von einer Privatfirma kommerzialisiert und monopolisiert.

Auch in Deutschland gibt es Bedenken. Der Medienphilosoph Friedrich Kittler bezeichnet das Projekt als „Turbokapitalismus“. Und Rafael Capurro, Gründer des International Center for Information Ethics und Professor für Informationswissenschaft und Medienethik an der Stuttgarter Hochschule der Medien, sieht den Staat in der Pflicht: „Es ist eine originär staatliche Aufgabe, veröffentlichtes Wissen der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen.“ Zum einen sei Wissen sozialer Natur. Zum anderen sei das eine Frage der sozialen Gerechtigkeit in einer marktwirtschaftlichen Gesellschaft. „Wir sollten das Feld nicht Google überlassen.“

In den deutschen Bibliotheken ist man dagegen vergleichsweise gelassen. „Ich teile die französische Kritik so nicht“, sagt Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Bibliothek in Frankfurt. Sie verweist auf Untersuchungen, die zeigen, dass etwa in Harvard weniger als die Hälfte der 15 Millionen Bücher englischsprachig sind. Sie sehe jedoch die Gefahr, dass irgendwann all jene Bücher nicht mehr wahrgenommen werden, die nicht im Internet zu finden sind. Niggemanns Ausweg: Public Private Partnerships – gerne auch mit Google, Yahoo oder Microsoft. Sie sollen dafür sorgen, dass möglichst auch alle europäischen Werke ins Netz kommen, die vom Urheberrecht nicht mehr geschützt werden – damit sie kostenlos und für alle zugänglich sind.

Erste politische Reaktionen Europas auf das Digitalisierungsprojekt von Google gibt es bereits. So initiierten Deutschland und Frankreich nach einem Gipfeltreffen der Regierungschefs im Frühjahr eine Suchmaschine namens „Quaero“. Die stecke aber im Stadium einer Projektidee, heißt es im dafür zuständigen Bundeswirtschaftsministerium.

Noch weiß niemand genau, ob es um eine Suchmaschine oder eine Buchsuchmaschine geht, ob hier mehr Software entwickelt oder auch Inhalte digitalisiert werden sollen. Geschweige denn, wie viel Geld die EU-Staaten zur Verfügung stellen und welche Firmen beteiligt sein werden.

Schneller geht es da voran, wo direkte kommerzielle Interessen auf dem Spiel stehen: Die Verlage wollen mit einer eigenen Volltextsuche der Gefahr entgegentreten, im Handel mit elektronischen Informationen den Anschluss zu verlieren. „Der elektronische Vertrieb wird in Zukunft eine zentrale Einnahmequelle für Verlage sein. Wenn die Verlage ihre Bücher zum Einscannen an Google geben, erwerben sie selbst nicht die Kompetenz, irgendwann daran teilzunehmen“, glaubt der projektverantwortliche Verleger Matthias Ulmer. Im Frühjahr startet die Suche in aktuell lieferbaren Büchern. Etwa 100 Verlage werden zu Beginn teilnehmen, schätzt Ulmer; die meisten Texte liegen schon digital vor und sollen verteilt auf den Servern der einzelnen Verlage liegen. Möglichst bald, so das Ziel, soll auch über Google ein Zugriff auf diese Texte möglich sein.

Wird das Wissen der Menschheit also bald vollständig im Internet zu finden sein? „Eingescannte Bücher sind wie alles im Internet Information. Das ist noch lange kein Wissen“, sagt Joan Kristin Bleicher, Professorin für Medienwissenschaft an der Universität Hamburg. „Es gibt aber die Tendenz, die Wissenskompetenz ins Internet auszulagern: Dort wird es schon irgendwo stehen, man muss es nicht mehr im Kopf haben. Diese Möglichkeit wird durch Volltextsuchen im Netz natürlich potenziert.“

Die Wissenschaftler sind sich einig: In Zukunft werden Internetnutzer noch mehr Medienkompetenz brauchen, um aus der Fülle der Informationen auszuwählen und die richtigen zu finden. „Wenn man nur mit Google sucht, ist man selbst schuld. Das Netz ist mehr als Google, auch bei der Literatursuche“, sagt der Informationsethiker Rafael Capurro.

Dass Bücher und Bibliotheken eines Tages ganz verschwinden, bezweifelt die Internetforscherin Bleicher: „Eine Volltextsuche kann ein erster Einstieg in die Recherche sein. Aber ich würde nie darauf verzichten, ein Buch selbst in die Hand zu nehmen.“
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