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| Der Mythos vom flexiblen Arbeitnehmer |
gefunden in: handelsblatt.com vom 03.08.2006
Serie: Die Zukunft der Arbeit
Heute: Der Mythos vom flexiblen Arbeitnehmer
von Barbara Gillmann
Mobilität und Flexibilität sind für die meisten Deutschen ein Fremdwort. Weiterbildung und Jobwechsel standen in der Vergangenheit schon mal höher im Kurs als heute. Dabei sind es genau solche Dinge, die essentiell für das Bestehen auf dem Arbeitsmarkt sind. Eine Handelsblatt-Serie über die Arbeitswelt von morgen und übermorgen.
Viele deutsche Arbeitnehmer sind nicht flexiblel, wenn es um die berufliche Mobilität geht.
BERLIN. Annette R. (39) arbeitete drei Jahre in ihrem Beruf als Hotelfachfrau, bevor sie eine Ausbildung zur Wirtschaftskorrespondentin begann. Der Sozialwissenschaftler Jörg C. war 45, als er anfing, Medizin zu studieren; heute ist er niedergelassener Arzt. Christine G. (42) war viele Jahre Stewardess, studierte nebenher BWL und arbeitet heute als freie Medienberaterin. Claus B. war Journalist, bevor er mit 38 auf Hubschrauberpilot umsattelte.
Die vier haben in ihrer Biographie die unterschiedlichsten Lebenszyklen aneinander gereiht – und sind damit Exoten: Denn allem Gerede von der zunehmenden beruflichen Mobilität zum Trotz halten es die meisten Deutschen mit dem Spruch vom Schuster, der bei seinem Leisten bleibt. Im Vergleich zu den ersten Jahrzehnten der Republik hat die Flexibilität sogar abgenommen. Auch Weiterbildung war schon mal stärker im Trend. Der viel beschworene flexible Arbeitnehmer, der immer dazu- und auch umlernt – er ist ein moderner Mythos.
Doch genau das ist das Problem. Denn es gibt keinen Anlass zu vermuten, dass Flexibilität in der Arbeitswelt der Zukunft nicht mehr zählt. Weil die nachwachsenden Generationen schrumpfen, wird das Reservoir, aus dem Firmen qualifizierte Mitarbeiter auswählen können, kleiner. Hinzu kommt, dass die Zahl der Bewerber ohne Schul- oder Berufsabschluss steigt. Umso wichtiger wird es für die qualifizierten Kräfte, sich flexibel auf die Anforderungen der Unternehmen einzustellen.
Nach einer Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hatte zur Jahrtausendwende jeder dritte bereits einmal den Beruf gewechselt, davon neun Prozent mehrmals. Gegenüber 1991 gab es so gut wie keine Veränderung, die Anteile der Wechsler waren gleich geblieben. Blickt man noch weiter zurück, zeigt sich gar eine abnehmende Mobilität: 1979 gaben noch 37 Prozent einen Berufswechsel zu Protokoll.
Dieses erstaunliche Ergebnis erklären die Forscher mit den Umbrüchen der Nachkriegszeit: Damals wurden weite Teile der Bevölkerung gezwungen, von der Landwirtschaft in die Industrie zu wechseln. Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft hingegen läuft offenbar weit sanfter beziehungsweise innerhalb der Berufe ab.
Parallel zur Scheu, beruflich neue Ufer anzusteuern, sind die Deutschen bei der Weiterbildung sogar eindeutig auf dem Rückzug. Seit 1997 sinkt die Teilnahme an beruflicher Weiterbildung in West wie Ost. 2003 nahmen nach dem Berichtssystem Weiterbildung nur noch 26 Prozent der 19- bis 64-Jährigen an einer Weiterbildung teil – 1997 waren es im Westen noch knapp 30, im Osten gar 37 Prozent.
„Politisch nachdenklich stimmen“ muss dies laut Bildungsbericht von Bund und Ländern, weil sich die Deutschen im internationalen Vergleich ohnehin wenig fortbilden. Schlechter schneiden in der alten EU nur Griechen und Spanier ab. Die Autoren warnen, dass „damit auf lange Sicht auch die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt wird“.
Große Hoffnung auf mehr berufliche Flexibilität setzen Unternehmen und Bildungspolitiker auf den Umbau der deutschen Hochschulen hin zum international üblichen zweistufigen Bachelor/Master-System. Bis 2010 soll die Umstrukturierung vollendet sein. Das würde Akademikern erlauben, nach Jahren der Praxis an die Universität zurückzukehren, um einen Master draufzusatteln – entweder in ihrem Bachelor-Fach oder in einem anderen. Dafür müsse es jedoch weit mehr Master-Angebote geben, die speziell auf Rückkehrer in die Praxis zugeschnitten sind, klagt die Wirtschaft.
Beweglich bleiben: Zahl der Berufswechsel und Beteiligungen an Weiterbildungen. Grafik: Handelsblatt Insgesamt gilt: Je höher das Bildungsniveau, desto eher lohnt der Berufswechsel und desto eher ist er freiwillig. Überdurchschnittlich wechselfreudig sind generell Akademiker sowie Männer und Freiberufler. Facharbeiter sind es weniger als Selbstständige, obwohl sie etwa in Metallberufen durch Umstellung auf Computer gewaltig umlernen. Jeder fünfte Wechsler hat auch den Ort gewechselt, sieben Prozent davon mehrmals.
Die internationale Mobilität ist trotz der Globalisierung äußerst beschränkt. Von den in Deutschland geborenen Deutschen waren lediglich 2,4 Prozent schon mal berufsbedingt länger im Ausland – für die Bundesrepublik im internationalen Wettbewerb „nicht gerade schmeichelhaft“, heißt es in der IAB/BIBB-Studie.
Auch die Treue zum Unternehmen nimmt eher zu. Nach einer Studie des Instituts für Arbeit und Technik haben Beschäftigte, die 2001 ihren Betrieb verließen, im Westen zuvor im Durchschnitt sechs Jahre dort gearbeitet. In Westdeutschland ist diese Stabilität seit Mitte der 1980er-Jahre moderat gestiegen und verharrt seit Beginn der 90er auf konstantem Niveau. Im Osten sieht dies naturgemäß deutlich anders aus.
Das Urteil der Wissenschaft über die begrenzte berufliche Mobilität schwankt zwischen „unflexibel“ und „vernünftig“. Die einen meinen, das kleinteilige deutsche Berufssystem hindere Arbeitnehmer wie Arbeitgeber eher daran, einen Wechsel zu wagen. Andere finden das in Ordnung, weil fast jeder Wechsel zu „Verschwendung von Humankapital“ führe.
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| Demographie belastet Arbeitsmarkt |
gefunden in: handelsblatt.com vom 01.08.2006 Demographie belastet Arbeitsmarkt Von Dietrich Creutzburg Die Überalterung sorgt dafür, dass Arbeitskräfte in Deutschland knapper werden. Einige Arbeitsmarktpolitiker setzen daher darauf, dass sich das Problem der Massenarbeitslosigkeit im Laufe der Zeit von alleine lösen wird. Doch die Rechnung geht nicht auf. Rentner in Deutschland: Demographen befürchten, dass eine alternde Gesellschaft insgesamt ihre Dynamik verliert.
BERLIN. Was Rentenpolitikern anhaltende Kopfschmerzen bereitet, nehmen Arbeitsmarktpolitiker noch immer gerne heimlich als Beruhigungspille: Die Gesellschaft altert, weniger junge Menschen wachsen nach. Da werden sich ja wohl für die kommenden Generationen wenigstens wieder genügend Arbeitsplätze finden. Wozu sich also an unbequemen Aufgaben wie einer Flexibilisierung des Arbeitsrechts verausgaben? Scheinbar reicht es auf Dauer doch völlig aus, wenn die Rentenpolitiker die Altersversorgung solide organisieren.
Die rot-grüne Koalition hat auf dieser Basis vor nicht allzu langer Zeit sogar noch offizielle Regierungspolitik betrieben. „Langfristig wird das Erwerbspotenzial zurückgehen, und damit wird sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt entspannen“, argumentierte man im Hause von Arbeitsminister Walter Riester – und erklärte so nebenbei, warum ein Ausbau der Frührente zur Entlastung des Arbeitsmarkts nur vorübergehend nötig sei.
Die Rechnungen dahinter wirken verlockend: Nach den Bevölkerungsprognosen des Statistischen Bundesamts beginnt die Zahl der deutschen Erwerbskräfte hier zu Lande ab 2010 zu sinken. In 20 Jahren wird die Altersgruppe derer, die einen Arbeitsplatz suchen könnten, bereits um fünf Millionen kleiner sein als heute. Und schon wäre theoretisch das viel beklagte Problem der Massenarbeitslosigkeit gelöst.
Praktisch lässt sich freilich sehr schnell feststellen, dass daran etwas nicht stimmt. Denn sonst wären kleinere Länder ja fast schon automatisch vor Arbeitslosigkeit geschützt. „Das ist nicht Ökonomie, sondern allenfalls Hydraulik“, schimpft daher auch Martin Werding, Bereichsleiter Arbeitsmärkte am Münchener Ifo-Institut. „Solange wir die Strukturprobleme am Arbeitsmarkt nicht lösen, bleibt die Arbeitslosenquote bestenfalls konstant.“ In einer Gesellschaft, die um zehn Prozent schrumpft, könnte die absolute Zahl der Arbeitslosen daher vielleicht ebenfalls um zehn Prozent sinken – vielleicht aber auch nur um fünf oder gar nicht. In jedem Fall würde dann der Wohlstand sinken, die Finanzprobleme der Sozial- und Staatskassen würden noch größer als ohnehin.
Entscheidend für die zukünftigen Beschäftigungsperspektiven im Lande wird daher sein, wie gut es gelingt, das knapper werdende Angebot an Arbeitskräften mit den Anforderungen der Unternehmen in Einklang zu bringen. Dabei zeigt sich schon heute, wie schwierig das ist: Rund viereinhalb Millionen Arbeitslosen stehen derzeit zwischen 750 000 und 1,5 Millionen offene Stellen gegenüber, ohne dass es zum Ausgleich kommt. Teils sind die Arbeitskosten zu hoch oder die Fähigkeiten der Bewerber passen nicht, teils fehlt es ihnen an Mobilität oder zeitlicher Flexibilität – jedenfalls aus Sicht der Unternehmen. Und darauf kommt es faktisch an. Man mag das ungerecht finden, doch es folgt nur der Logik der globalen Wirtschaft: Wenn Arbeit hier zu Lande nicht nur teurer ist als anderswo, sondern auch noch schwerer verfügbar, wird es für die Firmen immer mehr Gründe geben, neue Standorte im Ausland zu suchen.
Das Thema beschäftigt nicht nur die Wissenschaft, sondern auch etwa den Arbeitgeberverband Gesamtmetall: „Wir brauchen für unsere innovationsorientierte Industrie aus den geburtenschwächeren Jahrgängen mehr junge Menschen mit hoher und höchster Qualifikation“, sagt Hauptgeschäftsführerin Heike Maria Kunstmann. Denn es gehe darum, das Land „als Wertschöpfungsstandort mit einer breit gefächerten Produktpalette zu erhalten“. Und auch für die Metall- und Elektroindustrie gelte bei allen Bindungen an Deutschland: „Wir werden zusätzliche Probleme haben, den Standort zu sichern, wenn die Arbeit anderswo nicht nur billiger, sondern auch besser gemacht wird.“
Eine alternde und schrumpfende Gesellschaft ist folglich umso mehr gefordert, ihre knapper werdenden Potenziale zu mobilisieren. Damit sind die politischen Aufgaben definiert – und werden ja zumindest ansatzweise auch schon wahrgenommen: Vor allem muss das gesamte Bildungssystem besser werden, von der Vorschule bis zur beruflichen Weiterbildung. Dabei genügt es nicht, den in manchen Segmenten schon heute akuten Mangel an hoch qualifizierten Spitzenkräften zu entschärfen. Dafür bietet zumindest ergänzend auch Zuwanderung eine Lösung, weshalb Deutschland auch ein attraktiveres Ziel in der Karriereplanung von Amerikanern, Japanern, Indern und Chinesen werden muss.
Ebenso wichtig wird sein, dass der breite Durchschnitt der Bevölkerung bessere Voraussetzungen mitbringt, um in der sich wandelnden Arbeitswelt einen produktiven Beitrag leisten zu können. Tatsächlich aber stagniert das Qualifikationsniveau im Generationenvergleich, warnt Stefanie Wahl, Geschäftsführerin des Bonner Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG): „Über lange Zeit waren stets die Jungen jeweils besser als die Älteren. Das ist heute anders.“
Es zeigt sich besonders bei jenen zwei Millionen Arbeitslosen, die heute keinen Berufsabschluss oder nicht einmal einen Schulabschluss haben. Deren Chancen werden nicht schon deshalb nennenswert wachsen, weil es künftig weniger Mitbewerber auf dem deutschen Arbeitsmarkt gibt. Weil aber auch das beste Bildungssystem nicht alle Menschen zu Spitzenforschern machen kann, müssen noch weitere Barrieren fallen: Integrationshürden für Zuwanderer, aber auch jene Barrieren, die verhindern, dass man mit einfacher Arbeit – ob handwerklicher Art oder mit privaten Dienstleistungen im Haushalt – zum eigenen Lebensunterhalt beitragen kann. Dem stehen falsche Anreize im Sozialsystem, ein starres Arbeitsrecht und allerlei Bürokratie im Wirtschaftsleben im Weg.
Schließlich müssen künftig die Potenziale älterer Menschen besser ausgeschöpft werden. Insofern ist die Anhebung des Renteneintrittsalters nicht nur ein Beitrag zur Sanierung der Rentenkasse. Sie senkt längerfristig auch die Gefahr, dass ein Mangel an passenden Bewerbern in einzelnen Segmenten als gesamtwirtschaftliche Jobbremse wirkt.
Dazu gehört, dass sich Unternehmen stärker für ältere Bewerber öffnen und ihre Arbeitsorganisation danach gestalten, dass Ältere ihre etwa auf besonderer Erfahrung beruhenden Fähigkeiten auch dann noch produktiv einsetzen können, wenn die physische Leistungsfähigkeit nachlässt. Je eher das gelingt, desto weniger wird sich der Weg ins Ausland als bequeme Ausflucht etablieren.
Als Trost mag den Deutschen dienen, dass sie mit ihrer demographischen Herausforderung keineswegs allein dastehen in der Welt. Es trifft sie nur früher als andere – selbst der gerade erwachende Wirtschaftsriese China steuert bereits darauf zu. Auch das ist keine Beruhigungspille. Es bietet Deutschland nur die Chance, sich früher auf den nötigen Wandel einzustellen. Mit der Serie „Die Zukunft der Arbeit“ wird das Handelsblatt die einzelnen Aufgabenfelder in den nächsten Wochen näher beleuchten.
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