Von starken Magenkrämpfen geschüttelt sitzt eine junge deutsche Touristin auf der obersten Stufe der Treppe, die zum heiligen Ganga führt, als ein leprakranker Bettler ihr seine Hilfe anbietet. Der alte, weißhaarige Mann segnet sie und berührt ihren Kopf. Ihr ist bewusst, dass er Lepra hat, doch sie fürchtet sich nicht. Tief berührt erwidert sie seinen Blick, der sie in Herz und Seele trifft. Dieser Tag im Frühjahr 1993 und diese erste Berührung mit einem Leprakranken verändern das ganze Leben der damals 22-jährigen Stella Deetjen aus Friedrichsdorf im Taunus. Einen Tag später geht sie wieder zu der Treppe. Sie will dem Mann, der ihr, einer reichen Touristin, geholfen hat, mit ein paar nützlichen Dingen danken. Als sie ihn nach seinem Namen fragt, sieht er sie erstaunt an. Seit 14 Jahren habe sich niemand nach seinem Namen erkundigt. Er heißt Musafir und wird ihr erster Patient, dem bald viele folgen. Nach einer Theater- und Musical-Ausbildung in Frankfurt will Stella in Rom als Schauspielerin arbeiten. Doch nach einigen, in ihren Augen dubiosen, Verhandlungen mit Regisseuren beschließt sie, doch lieber ein Fotografiestudium zu beginnen. Bis zum Semesterbeginn ist noch Zeit und sie entschließt sich zur einer Reise nach Nepal und Indien und gelangt schließlich auch in die heilige Stadt Benares, heute Varanasi, wo sie Musafir begegnet und ihre Berufung findet.
Schon bald fassen auch die anderen auf der Straße lebenden Leprakranken Vertrauen zu Stella und es entwickelt sich eine große Freundschaft zwischen ihr und den Unberührbaren, was zu großem Unverständnis bei anderen Bewohnern und Passanten führt. Stella verzichtet auf die Übernachtung in einem Hotel und mietet sich auf einem Boot am Ganges ein. Bei all dem Leid will sie sich den Luxus nicht gönnen, und die Reduzierung auf das Minimum an Lebensqualität hat etwas Schönes. Die Wochen ganz in der Nähe der leprakranken Bettler nennt Stella heute mit ihre schönste Zeit.
Die Nähe im täglichen Kontakt mit den Leprakranken ist der entscheidende Schritt für ihre spätere Arbeit. Sie kauft Stifte und Papier und malt mit dem jungen Tingla, der trotz fehlender Finger wunderbar zeichnen kann. Stella lernt ihre ersten Hindi-Wörter und es entwickelt sich eine wunderbare Freundschaft zu inzwischen rund 150 Leprakranken, denen die große Freude über ihre Gesellschaft ins Gesicht geschrieben steht. In Indien, wo eine Klassengesellschaft an der Tagesordnung ist, werden Menschen, die sich mit der niedrigsten Kaste, den Unberührbaren, beschäftigen, gleichermaßen ausgestoßen. Eine schmerzliche Erfahrung für Stella, die sich in ihrem Verhalten nicht beirren lässt. Ein weiteres Ereignis – eine große Polizeiaktion – legt den Grundstein für die Straßenklinik, das erste große Projekt von Tara Stella, wie sie zwischenzeitlich liebevoll von ihren Schützlingen genannt wird. Tara in Hindi bedeutet der Stern, ebenso wie Stella auf Italienisch.
Eines Tages kommen Polizisten mit einem Mannschaftswagen und sammeln die Bettler einfach ein. Stella sieht die Angst in den Augen der Menschen, denen nichts als ihre Freiheit geblieben ist. Stella ist schockiert, sie weiß, dass in Indien Bettler oft für Jahre weggesperrt werden. Zum Entsetzen der Polizisten springt sie auf den Wagen und fährt einfach mit. Eine Aktion, mit der sie in ganz Indien auf einen Schlag berühmt wird, alle Zeitungen berichten darüber, eine willkommene Hilfe, als sie später bei den Behörden um die Freilassung der Betroffenen kämpft. Noch im Polizeiwagen lässt sie sich alle Namen geben und hat damit die Liste für ihre ersten Projektteilnehmer.
Nach einem Interview mit einem indischen Journalisten und der Veröffentlichung seines Artikels in fast allen Landeszeitungen werden die Bettler gruppenweise freigelassen. In einer großen Versammlung flehen sie Stella an, nicht wieder zurückzukehren, sie brauchen Medizin und Häuser und ihre Hilfe.
Zwischenzeitlich erfährt Stella von einer Schweizer Ärztin, dass Lepra in jedem Stadium heilbar ist. Wenn ein Leprakranker Antibiotika bekommt, ist er vom ersten Tag der Einnahme des Medikamentes nicht mehr ansteckend. Die Ärztin gibt Stella 100 Dollar, den Grundstein für das Projekt der Straßenklinik, das sie mit Hilfe einer holländischen Krankenschwester startet. Eigentlich muss Stella zurück nach Rom, das Semester hat längst begonnen, doch Stella geht nicht, sie will und kann ihre neuen Freunde nicht einfach wieder ihrem Schicksal überlassen. Nun geht Stella das Ganze systematisch an – sie reist nach Deutschland und sammelt Gelder, bei Bekannten ihrer Mutter, im Rotary- und im Lionsclub, bei früheren Schulkameraden. Sie hält Vorträge, bei denen sie einen Film zeigt, den sie von einem indischen Hochzeitsfilmer hat drehen lassen, der nicht professionell aber informativ ist. Und sie kehrt mit rund 20.000 Euro in die heilige Stadt zurück.
Stella kauft Medikamente und sucht die Kooperation mit indischen Ärzten, was nicht einfach ist. Die meisten Krankenhäuser weigern sich, Leprakranke überhaupt aufzunehmen. Einige Mediziner sind bereit, in der Straßenklinik, in der es sauberer ist als in manchem Krankenhaus, mitzuarbeiten. Einige durchreisende Ausländer helfen unentgeltlich und bald schon betreut Stella mit ihren Helfern rund 400 Personen nach einer von der Weltgesundheits-organisation empfohlenen Therapie. Wer zwei Jahre durchhält ist geheilt.
Zwei Jahre will Stella ursprünglich an ihrem Projekt arbeiten und dann in ihr früheres Leben zurückkehren, doch es wird ihr bewusst, dass ihr Platz und ihre Aufgabe in Indien sind. Wie wichtig diese Arbeit für die Tochter einer Oberstudienrätin und eines Anwaltes wirklich ist, beweist eine ganz persönliche und private Entscheidung. Auch als sie schwanger wird, führt sie ihr Projekt weiter. Der Vater des heute 8-jährigen Cosmo bittet sie, mit ihm nach Frankreich zu gehen, doch sie lehnt ab. Der Franzose versteht nicht, dass ihre Arbeit oberste Priorität hat und bricht den Kontakt zu der heute 36-jährigen Mutter ab.
Cosmo, mit dem sie zunächst in einem Appartement lebt, besucht eine Zeit lang die allgemeine Grundschule in Varanasi. Doch er leidet zunehmend an dem zeitaufwändigen Engagement seiner Mutter und an der Tatsache, dass er sich aufgrund seiner auffallenden blonden Haare als Außenseiter fühlt. Heute lebt Cosmo aus gesundheitlichen Gründen wieder in Europa und Stella pendelt zwischen Varanasi und Europa.
Während ihrer Arbeit in der Straßenklinik erlebt Stella auch die Kinder, die neben Müllkippen am Rande der Straße inmitten von Leprakranken und todkranken Bettlern hausen. Jungen und Mädchen müssen arbeiten, betteln oder stehlen, sind schutzlos roher Gewalt und Missbrauch, oft von den eigenen Vätern, ausgeliefert. Die meisten Kinder leiden an Tuberkulose. Sie sieht die Babies, die am Straßenrand auf die Welt kommen, sieht die Eltern elendig sterben. Parallel zum Engagement für die Straßenklinik versucht Stella, schrittweise die Lebensumstände der Kinder zu verbessern. Im Sommer 1996 eröffnet sie mit ihrem Team eine kleine Schule und aus Straßenkindern werden Schulkinder. Doch nachmittags betteln die Kinder wieder auf der Straße und nachts schlafen sie neben der Müllkippe. Ein Tagesprogramm in der Etage eines Hauses im Jahr 2000 bietet den Kindern die Möglichkeit, nach dem Unterricht zu spielen, zu basteln und zu malen. Auch eine warme Mahlzeit steht auf der Tagesordnung, die gemeinsam zubereitet wird. Die Kinder flehen, auch die Nächte hier verbringen zu können.
Dann der Sommer 2003 – die große Hitzewelle, Wochen und Wochen Temperaturen bis 52 Grad. Die Obdachlosen sterben wie die Fliegen, unter ihnen auch Kinder. Auf dem Vereinskonto von „Goahead Kids“ gerade noch mal 500 Euro, viel zu wenig, doch Stella weiß, sie muss eine Lösung finden, sie mietet fünf Räume mit einer Küche in einem Haus und bringt dort ihre Gruppe mit 51 Kindern notdürftig unter. Für die Einrichtung reicht das Geld nicht und die Kleidung der Kinder ist notdürftig. Wieder reist Stella nach Deutschland, hält Vorträge und versucht bei Veranstaltungen aller Art, Menschen für Patenschaften für ihre Kinder zu gewinnen. Mit den gesammelten Geldern steht dem Kinderhaus ein monatliches Budget zur Verfügung. Die Kinder werden in neuen öffentlichen Schulen angemeldet, die Kosten für Anmeldung, Schulkleidung und Material können aus den Spenden getragen werden. Nun beginnt man das Haus einzurichten, einfach, aber liebevoll und schön. Trotz der enormen Altlasten, die die Kinder mit sich herumtragen (Krankheit, Vergewaltigung) folgt eine glückliche und aufregende Zeit. Zum ersten Mal dürfen die Kinder in einem Bett schlafen, wenn sie sich das Doppelbett auch mit 7 bis 8 Kameraden teilen müssen, sie haben ein Dach über dem Kopf und ein geregeltes, kindgerechtes Leben.
Im Jahr 2002 übergibt Stella die Straßenklinik in die Hände der Schweizer Organisation „Action Benares“ und widmet sich nun ausschließlich ihrem Kinderprojekt „Goahead Kids“. Auf der Suche nach einem geeigneten Kinderhaus findet Stella 2004 ein Gründstück mit Haus, das zum Verkauf ansteht. Ideal als neues Daheim für ihre 50 Schützlinge. Inzwischen sind die Medien in Deutschland auf die schöne, dynamische junge Wahlinderin aufmerksam geworden und die Spendengelder fließen leichter. Von ihrer nächsten Reise kann Stella die für den Kauf und Umbau erforderlichen rund 100.000 Euro mitbringen. Nach sechsmonatigen Umbauarbeiten ist es endlich soweit – am 12. Oktober 2005 können die Kinder freudestrahlend in ihr neues Zuhause einziehen. Alle Kinder zwischen 4 und 16 Jahren haben sich in den Jahren bei Stella und ihren Helfern prächtig entwickelt, alle besuchen die englische Schule, unter ihnen auch der 15-jährige Rahal, der sich stolz auf sein Abitur vorbereitet und von klein auf unter der Obhut von Stella steht. Die Kinder sind gesund, gepflegt und glücklich, niemand sieht ihnen heute mehr an, dass sie einmal zu den ärmsten Straßenkindern gehörten. Auch die Zukunft der Kinder liegt Stella sehr am Herzen. Sie wird die Kinder wie eine Mutter durch die selbst gewählte Ausbildung ins Berufsleben begleiten. Gerne würde sie auch ein Ausbildungsprojekt im Süden des Landes beginnen. Doch aktuell ist sie auf der Suche nach einem zweiten „Goahead Kids Home“ ganz in der Nähe des ersten, das wiederum 50 Kindern ein neues Zuhause geben soll. Am 14. Oktober 2006 überreichte der ehemaligen Präsident Michail Gorbatschow der engagierten Stella Deetjen in einer feierlichen Stunde in New York den „Women’s World Award of Hope 2006“.
Qrage - Die Quelle für mehr Lebensmut 
Ausgabe: 02/2007, Text: Linda Ivanus-König, Fotos: Mathias Ziegler