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| Thorsten Wallers Juni-Bericht |
...zwischen dem Müll ein Bündel Geldscheine entdeckte. 400 Pesos lagen da auf dem Fußballplatz. Das sind umgerechnet 100 Euro!!!
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Thorsten Waller frieert und schreibt trotzdem
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| Auf Abwegen in Argentinien |
Thorsten Waller berichtet über seinen fünf wöchigen Urlaub
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| 5. Bericht von Thosten Waller |
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| 3. Bericht von Thorsten Waller |
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| 2. Bericht von Thorsten Waller aus Argentinien |
2. Bericht von Thorsten Waller aus Argentinien
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| Thorsten Waller berichtet aus Argentinien |
1. Bericht

Erst im Zweitstudium entschied sich der Österreicher Matthias Sutter für Ökonomie .....weiter |
| Serie Altersvorsorge (2): |
gefunden in: vdi-nachrichten,de vom 22.9.2006
Serie Altersvorsorge (2): Weg von der Umlage, hin zur kapitalgedeckten Rente
Heute schon mit Rürup geriestert?
VDI nachrichten, Düsseldorf, 22. 9. 06, mav – Die Deutschen sind kein Volk von Revolutionären. Nur so ist es zu erklären, dass die Einführung der anteiligen Kapitaldeckung der Altersvorsorge – Stichwort Riester- und Rürup-Rente – in Deutschland ohne Widerstand hingenommen wurde. Oder ist vielen Deutschen gar nicht klar, wie tief greifend die Änderung ist?
Fünf, sechs Jahre ist es her, dass den Deutschen dämmerte, dass es mit dem bestehenden Rentensystem so nicht weiter geht. Politiker sprachen erstmals klar aus, dass das Rentenniveau auf Dauer nicht zu halten sei. Weil eine Beitragserhöhung, die einzige Alternative zur Leistungskürzung, politisch nicht durchsetzbar schien, entschied sich Berlin für einen neuen Weg: Die Riester-Rente wurde aus der Taufe gehoben.
Dieses Modell des ehemaligen Sozialministers Walter Riester, das offiziell „Geförderte Altersvorsorge“ heißt, hat die Renten-Welt verändert. Warum? Erstmals sagt der Staat seinen Bürgern zu, ihnen bei der privaten Altersvorsorge durch Zuschüsse zu helfen. Dadurch soll die Reduzierung der staatlichen Rente – zunächst 3 %, später noch mehr – aufgefangen werden. Die Riester-Rente ist also eher eine ersetzende als eine ergänzende Vorsorge.
Hinter der Idee steckt nüchternes Kalkül: Wird die Senkung der gesetzlichen Rente nicht ausgeglichen, könnten viele Rentenversicherungspflichtige nach ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben zu einer Belastung werden, weil sie Sozialhilfe benötigen.
Die Politiker konnten mit der Riester-Rente außerdem den ersten Schritt in das von der Steuerwissenschaft und Rechtsprechung geforderte System der so genannten nachgelagerten Besteuerung gehen. Insgesamt sollte das Altervorsorgevermögensgesetz (AVmG) dazu führen, dass die Einnahmen die Ausgaben übersteigen, mindestens aber gleich bleiben sollen. So entstand ein komplexes Modell aus steuerlicher Förderung sowie verschiedenen Zulagen und Verfügungsbeschränkungen.
Zunächst überwog die Skepsis gegenüber der Riester-Rente. Viele Arbeitnehmer scheuten sich, die ihnen von Versicherungsvertretern vorgelegten Verträge zu unterschreiben. Inzwischen hat sich der Wind gedreht: Selbst die Verbraucherzentralen oder die Zeitschrift Finanztest stehen den Riester-Regelungen heute positiv gegenüber. Ihre Überzeugung: Die Riester-Rente lohnt sich in der Regel für jeden rentenversicherungspflichtigen Arbeitnehmer (vgl. Kasten).
Mit der Einführung des Alterseinkünftegesetzes (AltEinkG) wurde 2005 das bisherige Gebäude der Altersvorsorge in Deutschland umgeworfen. War bisher die Rede von drei Säulen, auf denen die Altersvorsorge ruhte, so liegen jetzt die staatliche Rente, die Betriebsrente und die private Altersvorsorge in Schichten übereinander. Das „Altersvorsorge-Haus“ liegt auf der Seite.
Die erste Schicht besteht aus der bekannten staatlichen Rente. Der Rentenversicherungsträger heißt jedoch nicht mehr BfA (Bundesversicherungsanstalt für Angestellte), sondern DRV (Deutsche Rentenversicherung). Weitere Änderung: Die Rente ist seit 2005 steuerpflichtig, die Beiträge können aber in sehr viel stärkerem Maße als in der Vergangenheit von der Steuer abgesetzt werden. Sämtliche Regelungen gelten auch für Angehörige der verkammerten Berufe, wie etwa Steuerberater, Rechtsanwälte und Ärzte, die im Versorgungswerk versichert sind. (s. Meldung rechts).
Neu geschaffen wurde die Basisrente, im Volksmund Rürup-Rente genannt. Der Name geht auf Prof. Bert Rürup zurück, den Vorsitzenden der gleichnamigen Kommission und heutigen Wirtschaftsweisen. Die Basisrente ist ähnlich organisiert wie die staatliche Rente. Weder gibt es ein Kapitalwahlrecht noch eine Möglichkeit, das angesparte Geld zu vererben – sie ist nicht beleih- oder veräußerbar. Es ist aber möglich, die Hinterbliebenen abzusichern sowie weitere Risiken einzuschließen, etwa Berufsunfähigkeit.
Eine Verfügung über die Rente vor dem 60. Geburtstag ist nicht vorgesehen. Da für die Basisrente die gleichen, insbesondere steuerrechtlichen Regeln gelten wie für die staatliche Rente, sind auch die Beiträge für die Zusatzabsicherungen steuerlich absetzbar. Das macht die Basisrente attraktiv. Allerding bieten nicht alle Versicherer Tarifergänzungen, wie Todesfallschutz und Rentengarantiezeiten, die die vermeintlich starren Vorgaben nachhaltig verbessern. Neu ist auch, dass nun auch fondsgebundene Produkte steuerlich anerkannt werden.
Die zweite Schicht: Diese umfasst die betriebliche Altersvorsorge und die Riester-Rente. Burkhard Neidert von der Gesellschaft Finanzkonzept in Fulda: „Im Zuge der Reform wurde die Pauschalversteuerung der Direktversicherung abgeschafft.“ Das gilt für Neuverträge. Für Verträge, die vor der Reform unterschrieben wurden, besteht die Möglichkeit weiterhin. Für neue Verträge können zusätzlich bis zu 1800 € im Jahr angelegt werden.
Zugleich wurden die maximalen Beiträge vereinheitlicht auf 4 % der Beitragsbemessungsgrenze, im Jahr also 2520 € in den ersten drei Durchführungswegen (Direktversicherung, Pensionskasse und Pensionsfonds). Bei den übrigen beiden Durchführungswegen wurden kaum Änderungen vorgenommen.
Die Riester-Rente wurde u.a. mit dem Dauerzulagenantrag vereinfacht. Seitdem müssen die Sparer nicht mehr Jahr für Jahr aufs Neue die Anträge stellen. Außerdem können Riester-Rentner am Ende der Sparphase 30 % der zur Verfügung stehenden Summe auf einen Schlag nutzen, ohne dass sie die Förderung zurückzahlen müssten.
Burkhard Neidert: „Was noch fehlt, ist die Möglichkeit, über Riester auch die selbst genutzte Immobilie als Altersvorsorge-Baustein zu bezahlen und die Rente ohne Erstattung der Förderungen zumindest auch im EU-Ausland verleben zu dürfen. Das wird zur Zeit gerichtlich geklärt.“
Die dritte Schicht beinhaltet die private Vorsorge. Berücksichtigt werden sowohl die Verträge, die nach altem Recht (endete 2004) steuerfrei waren, als auch die neuen, künftig steuerpflichtigen Verträge. Das Steuerprivileg wurde aber nicht völlig abgeschafft, sondern etwa halbiert. Denn noch immer ist nur die Hälfte der Erträge zu versteuern, wenn der Vertrag nach dem 60. Geburtstag ausgezahlt wird.
Unverändert: Es erfolgt kein Steuerabzug auf Zinsen, Dividenden oder Kursgewinne während der Ansparphase. Dieser Aspekt wird eine stärkere Bedeutung erfahren, wenn ab 2008 eine Abgeltungssteuer eingeführt wird.
Bei privaten Renten wurde der steuerpflichtige Ertragsanteil von 27 % auf 18 % gesenkt. Berater Thomas Langfeld von Langfeld & Friends in Hamburg, der empfiehlt, immer eine Planung zu machen, bei der die „erwerbsfreien Jahre“ genau auf verfügbare Liquidität und Anspruch überprüft werden: „Inzwischen weiß fast jeder erwachsene Deutsche, dass er privat heute etwas tun muss, um morgen so leben zu können wie heute. Trotzdem setzen das zu wenige Menschen konsequent um.“ JÜRGEN HOFFMANN
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| Serie Altersvorsorge (1): |
gefunden in: vdi-nachrichten.de vom 15.9.2006
Serie Altersvorsorge (1): Die gesetzliche Rentenversicherung Die Basis wackelt
VDI nachrichten, Hamburg, 15. 9. 06, elb – „Die Rente ist sicher!“ Schon als Norbert Blüm als Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung Mitte der 90er Jahre diesen Satz sagte, schüttelten viele Experten den Kopf. Mittlerweile weiß fast jedes Kind, dass von den Renten, die „Vater Staat“ künftig noch zahlen wird, kaum jemand leben kann. Das Gebäude „Altersversorgung“ muss neu gebaut werden. Doch der Reihe nach ...
Das System der Deutschen Rentenversicherung beruht auf dem so genannten Generationenvertrag: Die heute Beschäftigten sichern mit Einzahlungen, ihren Beiträgen zur Rentenversicherung, die Auszahlungen an die Rentner von heute. Anders als bei privatrechtlichen Verträgen werden weder Rücklagen gebildet noch wird ein Kapitalstock aufgebaut. Vielmehr wird das Geld, das heute eingezahlt wird, auch sofort wieder ausgezahlt. Ein Umlageverfahren. Das heißt: Die Deutsche Rentenversicherung mag vieles sein – eine Versicherung im eigentlichen Sinne ist sie nicht.
Die Gefahr liegt auf der Hand: Geht die Zahl der Betragszahler zurück und steigt gleichzeitig die Zahl der Leistungsempfänger, entsteht eine Finanzierungslücke. Diese Situation herrscht in Deutschland seit etwa 30 Jahren. Und genau so lange schleppt die Deutsche Rentenversicherung das Problem mit sich herum. „Unter den Folgen leidet vor allem die Generation der heute 30- bis 55-Jährigen“, betont Gerd Kotoll, Berater beim Finanzdienstleister MLP in Hamburg. „Diese trägt aber auch eine Mitschuld an der Misere, weil sie für die geringe Zahl der Beitragszahler verantwortlich ist.“
Dass der Rentenversicherung der finanzielle Schuh drückt, liege eben vor allem daran, dass die Deutschen in den vergangenen Jahren zu wenig Kinder bekommen haben. Nun schnappt die Demographiefalle zu: Es leben hier zu Lande immer mehr ältere Mitbürger und immer weniger jüngere. Die Alterspyramide, die anno dazumal aus einer breiten Basis junger Menschen – sprich: Beitragszahler – und einem nach oben zulaufenden Teil älterer Menschen – sprich: Rentenempfänger – bestand, hat sich umgedreht.
Damit nicht genug: Die Deutschen werden auch noch älter. Das verschärft das Problem. In den letzten rund 20 Jahren hat sich die Rentenbezugszeit für Männer beinahe verdoppelt. Und die Lebenserwartung steigt weiter. Nach Berechnungen des Verbandes der Versicherungsmathematiker wird ein Mann, der im Jahre 2040 65 Jahre alt sein wird (er ist heute also 31 Jahre jung), durchschnittlich noch weitere 30 Jahren leben. Bisher wurde die durchschnittliche Lebenserwartung für einen deutschen Mann mit 80 Jahren berechnet. Mitte des Jahrhundert wird er im Schnitt 95 Jahre alt werden. Noch dramatischer sieht es bei den Frauen aus: Die im Jahr 2040 65-Jährige hat weitere 34 Jahre vor sich. Das heißt, dass die heute etwa 30-jährigen Frauen im Schnitt 100 Jahre alt werden.
Früher hat der Bundespräsident jedem 100 Jahre alten Menschen in diesem Land persönlich gratuliert. Das waren vor 30 Jahren 100 oder 200 Bürger. Heute sind es fast 4000. Die bekommen einen Brief. 2040 werden die über 100-jährigen Deutschen wohl eine elektronische Serien-E-Mail kriegen ...
In der Vergangenheit haben die Regierungsparteien immer wieder in die Rentenkasse gegriffen. „Versicherungsfremde Leistungen“ wurden üppig gewährt. Diese müssen nun zurück geschnitten werden. Das ist schmerzhaft. Mehr noch: Auch bei den regulären Leistungen kommt es zu massiven Einschnitten.
Der Name, der für diese notwendigen Maßnahmen gefunden wurde: Reform. Das ist übrigens nicht ganz neu. Seit den späten 50igern gab es in Deutschland keine Rentenreform mehr, die nicht auch eine Rentenkürzung war. Die Rentenreform 2004 war in dieser Hinsicht die radikalste. Der demografischen Entwicklung wurde endlich Rechnung getragen. Das Rentenniveau wurde erheblich gesenkt. Künftig fließen aus der staatlichen Rentenversicherung nur noch Beträge, die allenfalls als „Grundrente“ bezeichnet werden können. Ergänzende Vorsorge, sei es privat oder betrieblich initiiert, wird damit unerlässlich. „Wer sich einen Lebensabend auf heutigem Niveau leisten möchte, muss selbst etwas tun, muss heute Geld in die Hand nehmen, um später finanziell entsprechend ausgestattet zu sein“, betont Rüdiger Zielke, Berater bei der Münchener PensionCapital. Dazu mehr im Laufe der Serie.
Was wurde bei der Rentenreform 2004 gemacht? Es wurden unter anderen die beitragsfreien Anrechnungszeiten nach dem 17. Lebensjahr gestrichen. Das betrifft insbesondere Akademiker mit den verhältnismäßig längeren Ausbildungszeiten durch das Studium. Außerdem wurde das Rentenniveau insgesamt gesenkt, von aktuell rund 53 % der Bruttolohnsumme auf künftig nur noch 46 %. Maßgeblich ist hier der „Eckrentner“, der 45 Beitragsjahre nachweisen kann. Da das heutzutage immer weniger Menschen können, wird das tatsächliche Rentenniveau nochmals niedriger ausfallen.
Am schwersten wiegt die Einführung des so genannten Nachhaltigkeitsfaktors. Dieser wird dafür sorgen, dass die Renten künftig weniger stark steigen. Gerd Kotoll: „Die Wahrheit ist aber, dass der Nachhaltigkeitsfaktor rein mathematisch ein Bruch ist, bei dem der Zähler kleiner ist als der Nenner. Folglich steht im Ergebnis eine Null vor dem Komma, so dass in Wahrheit die Renten nicht weniger stark steigen werden, sondern tatsächlich fallen werden.“ Davon betroffen werden ausschließlich künftige Rentner sein, eben die Generation der heute 30 bis 55-Jährigen. Kotoll: „Aber Nachhaltigkeitsfaktor klingt eben besser als Rentenkürzung.“ Dabei sei es nichts anderes: Der Nachhaltigkeitsfaktor sei eine Rentenkürzung von etwa 1 % pro Jahr, von heute bis zum Rentenbeginn. Das summiert sich. Bei relativ jungen Generationsmitgliedern kommt da schnell eine 20 %ige Kürzung heraus.
Außerdem wurde bei der Reform vor zwei Jahren beschlossen, dass die Beiträge bei 22 % begrenzt werden sollen. Skeptiker vermuten, dass damit weitere Beitragserhöhungen programmiert sind, da aktuell 19,5 % gezahlt werden (bis zum Jahresbruttoeinkommen von 63 000 €). Hinzu kommt, dass die Renten durch das Alterseinkünftegesetzes (AltEinkG) stärker als in der Vergangenheit besteuert werden. Davon sind sowohl die heutigen Rentner betroffen als auch die künftigen.
Schließlich ist auch die beschlossene Heraufsetzung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre nichts anderes als eine Rentenkürzung – und zwar um exakt 7,2 %. Das entspricht dem Rentenabschlag von 0,3 %, den jeder angehender Rentner akzeptieren muss für jeden Monat, den er vor seinem 67. Geburtstag in Rente geht. J. HOFFMANN
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gefunden in: Handelsblatt Nr. 168 vom 31.08.2006
DerGeldgräber Ein schüchterner 29-Jähriger ist der heißeste Jungstar des Silicon Valley. Vor allem klassische Medienkonzerne fürchten Kevin Roses rasant wachsende, nutzerorientierte Nachrichtenseite Digg.com.
FRANK SIERING | LOS ANGELES Ausgewaschenes T-Shirt, unrasiert, Schlappen an den Füßen, die aussehen wie nach einer Wanderung über tausend Meilen Wüstensand – nur als Internet-Gründer schafft man es wohl in solch einer Kleidung auf die Titelseite eines der angesehensten Wirtschaftsmagazine der Welt, der „Business Week“.
Kevin Rose zum Beispiel hielt kürzlich beide Daumen nach oben, während die Schlagzeile des Magazins schrie: „Wie dieser Junge 60 Millionen Dollar in 18 Monaten machte.“ Doch gemacht hat er sie nicht, es ist eine Rechnung, die sich an der Bewertung anderer Internet-Startups orientiert – und Rose hat sein Unternehmen nicht verkauft.
An Anfragen, es doch zu tun, mangelt es dem 29-Jährigen nicht: Seine Firma Digg.com gehört zum Heißesten, was das Silicon Valley derzeit zu bieten hat.
In Deutschland kennen bisher nur Netz-Experten Digg.com – oder seine deutsche Kopie Yigg.de. Digg.com (To dig heißt übersetzt so viel wie graben, buddeln) funktioniert wie eine elektronische Tageszeitung. Nur das keine hierarchisch besetzte Redaktion die Themen auswählt, sondern die „Digg Army“ – die Nutzer. Mittlerweile sind das mehr als eine Million Surfer am Tag. Sie melden interessante Storys von anderen Internet-Seiten an und lassen „total demokratisch“ (Rose) abstimmen, welche davon ganz oben auf der Webseite erscheint.
Es ist eine Mischung aus personalisierter Nachrichtenquelle und Spielzeug mit hohem Suchtcharakter. Auf der Rangliste der populärsten Web-Seiten ist Roses Schöpfung weltweit auf Rang 24. Schon zittert mancher Verleger: Glauben Nutzer, dass sie über Digg alle für sie relevanten Nachrichten beziehen können, wäre das ein harter Schlag für die Online-Angebote der klassischen Medien.
Wenn Kevin Rose in seiner Lieblingskneipe am Hafen von San Francisco von dem erzählt, was Digg heute ist und einmal werden soll, klingt das schon wieder schwer nach einer neuen Internet-Blase. Ist Digg also wieder so eine Eintagsfliege im weltweiten Netz von Surfern und Illusionisten? Eine mit Risikokapital aufgeblasene Pusteblume, die sich wie unzählige Unternehmen vor ihr schon sehr bald im sanften Sommerwind von Silicon Valley auflöst?
„Mit Sicherheit nicht“, meint Dennis Fong, Mitbegründer der Online-Spiele-Firma Xfire, die unlängst für 102 Millionen Dollar an Viacom verkauft wurde. „Kevin ist seiner Zeit weit voraus, er hat begriffen, in welche Richtung sich das Internet entwickeln wird. Und Digg.com zeigt uns den Weg.“
Die enorme Popularität verfolgt Rose mit Argwohn. „Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich mein Leben im letzten Jahr verändert hat“, sagt er. „Manchmal weiß ich nicht, ob ich mir wirklich einen Gefallen getan habe mit einem solchen Mammutprojekt, zweifelt er an seinen eigenen Entscheidungen.
Doch ganz ohne Risiko macht das Spiel eben keinen Spaß. Das dürfte Rose früh mitbekommen haben – schließlich stammt er aus der Zocker-Metropole Las Vegas. Schon früh entdeckte der Sohn eines Steuerberaters und einer Hausfrau seine Liebe zu Computern. „Ich war ein typischer Nerd“, sagt Rose selbst. Als solche werden gemeinhin Menschen bezeichnet, deren soziale Kontakte sich vor allem in Bits und Bytes darstellen lassen. Nach einem kurzen Aufenthalt an der University of Las Vegas ging er ins Silicon Valley: „Ich wollte da sein, wo die Action ist.“
Bei Tech-TV, einem Nischen-Fernsehsender über Technik, lernt er seinen heutigen CEO Jay Adelson kennen. „Kevin hat damals eine Show moderiert und still und heimlich Tipps für Hacker on air weitergegeben“, erinnert sich Adelson. Nicht zuletzt diese geheimen Tipps brachten Rose den Spitznamen „The Dark Tipper“ ein.
The Dark Tipper war eine absolute Kanone, wenn es um Fachwissen im IT-Bereich ging – von Finanzfragen allerdings hatte Rose wenig Ahnung. Als er Digg.com zum Laufen bringen wollte, bat er einen Freund um 50 000 Dollar Zuschuss. Während Adelson sich um das Management kümmerte, werkelte Rose an immer neuen Versionen von Digg.com
Seine Schöpfung, darauf legt er Wert, ist nicht aus dem Traum vom großen Geld entstanden, sondern aus Überzeugung. Deshalb wehrt er sich vehement gegen Gerüchte, Yahoo werde Digg für über 40 Millionen Dollar übernehmen. „Blödsinn“, schreibt der begeisterte Kletterer und Schokoladen-Freund auf seiner Seite im Online-Netzwerk Myspace. „Ich will nicht das schnelle Geld machen“, betont der in Las Vegas aufgewachsene Jungstar. Und „ich will die Community nicht im Stich lassen“.
Stichwort: Community. Während sich manches Großunternehmen müht, eine solche um sich zu scharen, verdreifacht sich Monat für Monate die Nutzerschaft von Digg.com. „Kevin ist sehr smart. Er kümmert sich derzeit noch nicht um Umsatz und Gewinn. Er weitet seine Gefolgschaft aus – der finanzielle Erfolg kommt dann von ganz allein“, sagt Alex Albrecht, ein IT-Experte und ehemaliger Kollege von Rose.
Denn auch wenn „Business Week“ mit utopischen Bewertungen um sich wirft: Noch ist der Umsatz von Digg.com überschaubar. Drei Millionen Dollar im Jahr, schätzen Branchenexperten. Trotzdem könnte bei einem Verkauf der Preis bis auf 200 Millionen Dollar hochschießen – sollte Rose sich entschließen, großflächigere Werbung auf der Seite zuzulassen als bisher. Doch er sträubt sich: „Warum soll ich unsere Site mit Werbung zuklatschen? Wir sind voll finanziert und wachsen weiter. Alles geht seinen Weg in eine geordnete Profitabilität", erzählt er und rückt die Baseball-Mütze tiefer ins Gesicht. „Es ist eine gute Zeit für neue Business-Matadoren wie Kevin Rose“, sagt John Freeman, Professor für Unternehmensgründung an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Und: „Anders als beim ersten Internet-Boom gibt es diesmal viele kleine Geldtöpfe, aus denen Entrepreneure schöpfen können.“ Das bedeutet für Geschäftsleute wie Rose, dass er nicht mehr nur einer Risikokapitalfirma ausgeliefert ist und somit weitaus mehr Kontrolle über sein Unternehmen behält.
Das Leben meint es gut mit Kevin Rose. Selbst seine Schüchternheit hat er ein bisschen abgelegt, sagen seine Freunde. Nur eines hat der Fan des 80er-Jahre-Melancholie-Popstars Morrissey dann doch noch gemeinsam mit seinen Vorgängern aus der ersten Generation der Dotcom-Welle Ende der 90er-Jahre: Er arbeitet rund 18 Stunden am Tag. Zu viel für seine Freundin – die hat ihn kürzlich verlassen, trotz Reichtum und Glamour.
Und schon jetzt weiß Kevin Rose, dass er beim nächsten Mal, wenn es um die Frage „Arbeit oder Privatleben?“ geht, „die Liebe immer der Arbeit vorziehen würde“.
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| KONTAKTHOF UND KARRIERETURBO |
gefunden in: spielgel.de vom 19.08.2006
Triff die Nobelpreisträger
Seit über 50 Jahren treffen sich junge Akademiker am Bodensee mit Nobelpreisträgern, am Wochenende erst zum zweiten Mal mit preisgekrönten Ökonomen. Der Ansturm ist riesig: 4500 Bewerber wollten mit den Koryphäen debattieren, nur knapp 300 dürfen mitmachen.
"Wir haben ja später noch Gelegenheit, mit den Nobelpreisträgern direkt im kleinen Kreis zu reden", sagt Andreas König, "wie sie ihre Karriere forciert haben, wie sie zu ihren großen Ideen gekommen sind - da gibt es sicherlich viele Anknüpfungspunkte, über die man reden sollte. Andreas König studiert an der Uni Hohenheim Volkswirtschaftslehre und schreibt gerade an seiner Diplomarbeit. Er ist einer von 291 Studierenden und Hochschulassistenten aus aller Welt, die in Lindau mit nobelpreisgekrönten Wirtschaftswissenschaftlern zusammentreffen.
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http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,432438,00.htm
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| Fesche Stranddiven günstig abzugeben |
gefunden in: Handelsblatt Nr. 140 vom 24.07.06 Seite 13
Stefanie Harig ist mit preiswerten Foto-Editionen erfolgreich. Nun investiert auch Verleger Hubert Burda in ihre Firma.
GEORG WEISHAUPT | BERLIN Sie wirkt schmal und zerbrechlich. Doch sie ist eine Powerfrau. Gestern noch lag sie mit über 40 Grad Fieber im Bett. Heute ist Stefanie Harig wieder auf den Beinen und begrüßt die Gäste in ihrer Lumas-Galerie für Fotokunst auf dem Ku-Damm in Berlin - als wenn nichts gewesen wäre.
Sie will unbedingt dabei sein, wenn das neue Projekt startet. Kunstbuchverleger Benedikt Taschen eröffnet in der Galerie einen Shop für preisgünstige Bildbände. "Ich glaube, die beiden Konzepte passen gut zusammen, weil wir Kunst für jedermann anbieten", sagt Harig.
Die 38-Jährige probiert gern Neues aus. Vor zwei Jahren begann sie, den Kunstmarkt aufzumischen. Mit ihrem Mann, Marc Ullrich, gründete sie die Berliner Avenso AG und verkaufte unter dem Markennamen Lumas Fotokunst zu Tiefpreisen ab 100 Euro. Ein Schock für viele Galerien, die froh sind, dass sich Fotografie im Kunstmarkt durchgesetzt hat und endlich hohe Preise erzielt.
Doch das Konzept ist aufgegangen. Heute bietet Lumas 650 Arbeiten von 90 Künstlern über das Internet sowie sechs eigene Galerien in Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München und Stuttgart an und beschäftigt 45 Mitarbeiter. Dieses Jahr ist ein Umsatz von 5,5 Millionen Euro geplant. Die Gewinnschwelle ist nach eigenen Angaben schon erreicht. Der Erfolg überzeugt auch Verleger Hubert Burda. Er hat sich über Burda Digital Ventures mit 27 Prozent an Avenso beteiligt.
Harig will das Kapital vor allem im Ausland investieren. "Auf dem für uns wichtigen US-Markt planen wir zunächst fünf Filialen, dann noch eine in Zürich und in Frankfurt." Außerdem soll unter einem anderen Namen eine zweite, offene Internetplattform entstehen - "für eine noch weiter gehende Demokratisierung der Kunst", wie Harig anmerkt.
Wie kommt man auf die Idee mit den preiswerten Fotoeditionen? Für Kunst hat sie sich schon als Kind interessiert. "Meine Eltern haben uns in alle möglichen Museen geschleppt", erzählt sie beim Kaffee in der Lumas-Zentrale. Die Altbauetage in Berlin-Charlottenburg mit hohen Decken und Parkettböden verbreitet mit ihren vielen jungen Leuten einen Hauch von New Economy.
Später ist klar, dass Harig "etwas mit Kunst machen will". Aber sie muss auch Geld verdienen. Also studiert sie Kunstgeschichte, parallel Public Relations und arbeitet noch für PR-Agenturen. Nach dem Studium gründet sie ihre eigene Agentur und betreut Kunden wie Mercedes-Benz.
Auf einem Flohmarkt in New York entdeckt sie ihre Liebe für die Fotokunst und beginnt, Fotografien zu sammeln. 1999 verkauft sie ihre Agentur und folgt ihrem Mann nach New York. Da richtet sie die Häuser vermögender Leute ein. "Auch für die war es zu teuer, alle Räume mit hochwertiger Fotokunst auszustatten."
So entsteht die Geschäftsidee: Fotokunst in hohen Auflagen zu niedrigen Preisen. Bei Lumas gibt es 100 bis 150 Stück von einem Motiv, während andere Galerien teure Kleinauflagen im Großformat verkaufen. "Unter dem Strich verdienen die Künstler wegen der hohen Auflagen bei uns nicht weniger als woanders."
Das Konzept findet nicht überall Zustimmung. "Das Problem ist, dass es in dem noch jungen Markt für viele Kunden schwierig ist, den Wert und die Qualität der großen Fotoarbeiten von den günstigen Editionen zu unterscheiden", merkt Fotoexpertin Simone Klein vom Kunsthaus Lempertz in Köln an.
Manche Künstler lehnen das Konzept ab. Stefanie Schneider aber nutzt die Plattform als weitere Vertriebsschiene. "Ich war gleich davon begeistert", sagt die Berlinerin, die mit überbelichteten Stranddiven erfolgreich ist. Sie beschreibt Stefanie Harig als Frau "mit wahnsinnig viel Energie, die Ideen sofort umsetzt", aber das Menschliche nicht vergesse.
Und wenn sich Harigs Leben mal nicht ums Fotogeschäft oder ihre Tochter dreht, kümmert sie sich um ihr Haus, die Villa Oeding. Das ist ein restaurierter neoklassizistischer Bau in Berlin-Kladow, den sie an Firmen vermietet.
Weishaupt, Georg
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gefunden in: handlelsblatt.com vom 24.7.2006
Durch Zufall wurde der Ökonom Vernon Smith zum Vater der experimentellen Wirtschaftsforschung – Der eigenwillige Forscher erhielt dafür 2002 den Ökonomie-Nobelpreis
OLAF STORBECK | DÜSSELDORF Eigentlich wollte es der junge, gerade 29 Jahre alt gewordene Ökonomieprofessor seinen Studenten nur ein bisschen leichter machen: Um zu erklären, warum Märkte in der Realität oft nicht so perfekt funktionieren wie im Lehrbuch, ließ Vernon Smith im Januar 1956 seine Studenten ein Rollenspiel spielen. Die eine Hälfte agierte als Anbieter eines fiktiven Gutes, die andere als Nachfrager. Jeder „Käufer“ kannte nur seine maximale Zahlungsbereitschaft, jeder „Verkäufer“ seine „Produktionskosten“.
Das Ergebnis dieses Experimentes verblüffte den Forscher allerdings komplett: Angebot und Nachfrage pendelten sich in kurzer Zeit beim theoretisch prognostizierten Gleichgewichtspreis ein – obwohl fast alle Voraussetzungen für das effiziente Funktionieren von Märkten verletzt waren. Ein zufälliges Resultat, dachte Smith und wiederholte das Experiment mit anderen Teilnehmern und anderen Parametern. Doch heraus kam immer das Gleiche. „Nach und nach kam ich zu der Überzeugung: Die Experimente legten eine grundlegende Wahrheit über Märkte offen“, berichtet Smith. Dies funktionieren offenbar besser, als sich theoretisch erklären lässt.
Was der Ökonom damals nicht ahnte: Weit wichtiger als die inhaltlichen Ergebnisse seiner Hörsaal-Versuche war seine methodische Pionierarbeit. Bis zu jenem Tag im Winter 1956 hatten Wirtschaftswissenschaftler ihre Hypothesen nur mit mathematischen Beweisen oder der Analyse von Felddaten aus dem realen Leben getestet – Experimente wie in den Naturwissenschaften galten als unmöglich. „Ich war durch Zufall über ein Instrument gestolpert, mit dem man ökonomische Ideen testen konnte“, erinnert sich Smith.
Fast ein halbes Jahrhundert nach seinem ersten Experiment im Hörsaal der Purdue University tief in der amerikanischen Provinz im Bundesstaat Indiana bekam Smith dafür 2002 den Ökonomie-Nobelpreis.
Dass ausgerechnet er es war, der die experimentelle Wirtschaftsforschung begründete, ist kein Zufall. Bevor er sich Ende der vierziger Jahre der Ökonomie zuwandte, hatte Smith am California Institute of Technology Ingenieurwissenschaften studiert und Vorlesungen bei Linus Pauling und Robert Oppenheimer besucht. Das wirtschaftswissenschaftliche Establishment nahm Smith anfangs nicht ernst. Das renommierte „Journal of Political Economy“ lehnte den Aufsatz, in dem er sein Experiment von 1956 beschrieb, zunächst ab. Zweimal musste Smith den Artikel umschreiben und vier negativ gestimmte Fachgutachter überzeugen, bis der Aufsatz 1962 endlich veröffentlicht wurde.
Heute hat sich das Blatt vollständig gewendet: Kaum ein Forschungszweig in der Ökonomie boomt so stark wie der von Vernon Smith begründete. Arbeiten experimenteller Wirtschaftsforscher gehören inzwischen zu den am meisten zitierten ökonomischen Aufsätzen der Welt. Gerade in den vergangenen Jahren haben viele Unis besonders auch in Deutschland teure, mit Computern und Videokameras gespickte Experimentallabors eingerichtet.
„Experimentelle Methoden haben sich als fruchtbar erwiesen, um die Grenzen der Funktionsfähigkeit von Märkten aufzuzeigen, die Arbeitsweise von Organisationen besser zu verstehen, die Zusammenhänge zwischen Politik und Wirtschaft zu erhellen und die Natur des Altruismus zu erforschen“, sagt der Züricher Experimentalökonom Ernst Fehr.
Zu Kopf gestiegen ist Smith dieser Erfolg nicht: Auch auf wissenschaftlichen Konferenzen taucht der Nobelpreisträger, der auch mit 79 Jahren einen Pferdeschwanz trägt, stets in Jeans und Cowboystiefeln auf.
Doch die extrem legere Kleidung täuscht: Der Mann, der wie ein Althippie aussieht, ist ein überzeugter Liberaler, der Sozialismus für eine „Krankheit“ hält. Für das Gemeinwohl seien meist keine Interventionen in den Markt nötig. Smith: „Geben Sie Menschen Freiheit, und sie werden Werte schaffen, neue Produkte erfinden und neue Märkte.“
Als außerordentlicher Professor des erzkonservativen Cato-Instituts zum Beispiel empfahl Smith, dass der amerikanische Staat das „public land“ vollständig privatisieren sollte. Für parteipolitische Zwecke aber lässt er sich nicht einspannen. So lehnte er es ab, George Bush im Wahlkampf zu unterstützen. „Ich bin bereit, mich zu einzelnen politischen Themen zu äußern, aber nicht, einen Kandidaten für die Präsidentschaft zu unterstützen.“
Und ein marktgläubiger Ideologe ist Smith erst recht nicht. Von der unter Wirtschaftswissenschaftlern nach wie vor verbreiteten Hypothese, dass Finanzmärkte effizient arbeiten, hält er zum Beispiel gar nichts. Denn in vielen Experimenten hat er gezeigt, dass Aktienbörsen zur Bildung von Spekulationsblasen neigen und sich die Kursausschläge nicht mit der Entwicklung von Fundamentaldaten erklären lassen. „Die Börsen“, lautet sein Fazit, „sind viel schlimmer als Poker.“
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| Leben in derWashingtoner Blase |
gefunden in:handelsblatt.com vom 17.7.2006
Leben in derWashingtoner Blase
MARKUS ZIENER | WASHINGTON
„Wo mein Zuhause ist?“, fragt Natalie Gontcharova zurück. Dann stockt sie für einen Moment, ein leises Schlucken ist zu hören, bis sie sagt: „Mit dieser Frage beschäftige ich mich jeden Tag.“ Es ist schwer zu bestimmen, wo das Zuhause ist, wenn man mit 21 zwischen verschiedenen Welten wandelt, zwei Pässe hat, zwei Sprachen wie die eigene spricht, zwei Leben führt. Natalie ist ein Kind der offenen Grenzen, der Globalisierung, kosmopolitischen Lebens. Und jetzt hält sie nach einem Job Ausschau, der diesem bewegten Leben Rechnung trägt.
Natalie ist sieben Jahre alt, als die Familie 1992 die russische Heimat verlässt und nach Stuttgart geht. Der Vater arbeitet als Physiker am Max-Planck-Institut. Zwei Jahre später kommt ein Angebot aus den USA. Also packen die Gontcharovas erneut ihre Koffer und ziehen in die Staaten. Sieben Jahre Russland, zwei Jahre Deutschland, elf Jahre USA. Hört man nur Natalies Stimme und den amerikanischen Akzent, dann könnte sie als waschechte „Washingtonian“ durchgehen. Doch gerade war sie wieder für ein paar Wochen in der anderen Welt, ihrer Geburtsstadt Moskau.
Mit 17 fängt Natalie an, an der George Washington Universität in der Hauptstadt Journalismus und Internationale Politik zu studieren. Inzwischen hat sie ihren Bachelor-Abschluss in der Tasche und versucht jetzt, ihre Leidenschaft – die Politik – zum Beruf zu machen. Schon vor einigen Jahren ist sie in die Welt der Nichtregierungsorganisationen in Washington eingetaucht, hat bei „Vital Voices“ und „Fairfund“ gejobbt. Bei beiden Organisationen lernte sie, wie Frauen auf der ganzen Welt ermutigt werden, ihre Stimme zu erheben.
Da war sie schon ganz nahe dran an dem Thema, das kurz darauf bestimmend werden sollte: Menschenrechte, Menschenhandel. Sie liest – nein, sie verschlingt – das Buch „The Natashas“ von Victor Malarek. Es handelt vom Schicksal osteuropäischer Frauen, die aus ihren Heimatländern weggelockt und in Europa und Übersee zur Prostitution gezwungen werden. Besonders eindrücklich sind die Aussagen, die Malarek in Bosnien sammelt. Dort mussten Frauen den Uno-Friedenstruppen zu Willen sein. Das Buch heißt „Die Nataschas“, weil viele Freier die Frauen so nannten.
Nach der Lektüre will Natalie aktiv werden, etwas unternehmen. „Wir müssen das Bewusstsein für dieses Unrecht wecken“, sagt sie. Als sie hört, dass auf Basis des Buchs in New York eine Theatergruppe ein Stück erarbeitet, ist sie sofort dabei. „Becoming Natasha“ wird ihr großes Projekt. Natalie ist Producerin und Spendensammlerin, und sie hat wesentlichen Anteil daran, dass das Theaterstück am 22. April auch in Washington auf die Bühne kommt. 150 Zuschauer sehen zu, für Natalie ist es Höhepunkt und Abschluss ihrer Studienzeit.
Sie ist strahlend stolz, wenn sie heute davon erzählt. Es ist ihr Projekt. Sie hat es in Washington auf die Beine gestellt. „Jeder hier studiert internationale Politik, aber viele sind letztlich nur daran interessiert, Geld zu machen“, sagt Natalie. „Die Menschenrechte interessieren sie nicht.“ Dabei hat sie durchaus etwas Verständnis für die Teilnahmslosigkeit vieler Kommilitonen. „In den USA kann man so leben, dass die Armut und das Unrecht einen nicht berühren“, sagt sie. „Es gibt Leute, die leidenschaftlich sind. Aber sie wissen oft nicht, wie sie das, was sie in ihrem Herzen spüren, umsetzen sollen.“
Wer wie Natalie in Washington aufwächst, kann sich dem Politikbetrieb innerhalb des „Beltway“ rund um die Hauptstadt nicht entziehen. Er ist allgegenwärtig. Und er lockt. „Die Studenten wollen ins politische Geschäft einsteigen, sie wollen selbst Politiker werden, sie wollen ein Stück von der Macht“, sagt Natalie über ihre Erfahrungen an der Uni. „Oder aber sie wollen Journalisten werden und auch irgendwann einmal im Fernsehen auftauchen.“
Allerdings steht Washington mit seiner politikbegeisterten Jugend ziemlich alleine da: Denn nach einer Umfrage der „Youth Vote Coalition“ (YVC) haben die meisten 18- bis 30-Jährigen in den USA keine gute Meinung von den Politikern. Sie glauben nicht, dass diese sich um die Belange der Jugend kümmern. Nur 36 Prozent der Stimmberechtigten in der genannten Altersgruppe gaben bei den Präsidentschaftswahlen 2004 ihre Stimme ab. Da dies auch die Politiker wüssten, konzentrierten sie ihr Werben auf ältere Bürger, die wahlentscheidend sein können, sagt Veronica de la Garza von der YVC. Ein Teufelskreis, den die Youth Vote Coalition zu durchbrechen sucht.
Zu tun hat die gegenwärtige Apathie aber auch mit der politischen Lage in den Vereinigten Staaten, glaubt Natalie. Zumindest viele der demokratisch gesinnten Jugendlichen warteten einfach nur ab, bis die Amtszeit von George W. Bush abgelaufen ist. „Sie glauben nicht daran, dass noch etwas Positives passiert“, sagt die 21-Jährige. „Aber man kann doch nicht einfach zwei Jahre die Augen schließen.“ Hinzu komme, dass auch der Irak-Krieg weit weg sei. „Wenn du in der Washingtoner Blase lebst, dann kriegst du davon nicht viel mit“, sagt sie. Die Familien der Irak-Soldaten lebten meist im Mittleren Westen oder im Süden. „Der Krieg ist fern“, sagt Natalie – und so ist es auch mit der Leidenschaft bei diesem Thema.
Was Natalie in Zukunft genau machen wird? Sie weiß es noch nicht. Aber sie weiß, dass es ein Job sein muss, der auch ihre Seele mitnimmt. „Es muss etwas sein, das mit Russland und Amerika zu tun hat“, sagt Natalie. „Meine Existenz zwischen den Welten muss sich auch in meiner Arbeit ausdrücken.“ Und dann beginnt sie, noch einmal von den Nataschas zu erzählen, von ihrem großen Projekt. Das hat ihre Leidenschaft entfacht. So etwas müsste es eigentlich wieder sein. Ein Job mit Herzblut.
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gefunden in: vdi-nachrichten.com, Nr. 28 vom 14.7.2006
Chinesisches Tagebuch
China boomt wie kein anderes Land weltweit. Viele zieht es dorthin. Wie lebt, wie arbeitet man dort?
Über seine Eindrücke berichtet Jochen Klein, den Lesern als Redakteur der VDI nachrichten bekannt, jetzt regelmäßig aus dem Reich der Mitte.
...weiter zum Blog:
www.vdi-nachrichten.com/china-blog/default.aspx
| Erfolgreich – dank der Caritas |
gefunden in: handelsblatt.com vom 4.7.2006
Erfolgreich – dank der Caritas
WOLFGANG GILLMANN | KÖLN
Manchmal gehört ein Quäntchen Glück dazu, um als Einwanderer in Deutschland richtig Fuß zu fassen. So wie bei Serkan Sahin. Der junge Türke arbeitet heute im Prüffeld des Deutz-Werkes in Köln-Porz und überwacht den reibungslosen Ablauf der Motorenmontage. Dabei sah es lange so aus, als ob der heute 30-Jährige einmal zur großen Gruppe der Immigranten ohne Berufsabschluss gehören würde – so wie jeder dritte Einwanderer. Dass es schließlich doch anders kam, liegt auch an In Via, einer Initiative der Caritas.
Sahins Biografie verlief ähnlich wie die vieler Türken in der Bundesrepublik. Vor rund 40 Jahren kommt sein Vater nach Deutschland, findet Arbeit bei dem traditionsreichen Motorenhersteller. 1976 wird sein Sohn Serkan geboren und wächst im Kölner Arbeiterstadtteil Kalk auf. In Köln-Buchheim geht er zur Schule – so wie viele andere Ausländerkinder.
Dann beginnt die Gratwanderung zwischen der türkischen und der deutschen Heimat. Als Serkan acht ist, schicken seine Eltern ihn wieder in die Türkei zur Schule. Dort wählt er als Fremdsprache Deutsch, was ihm später sehr helfen wird. Als er 1990 wieder nach Köln zu den Eltern zurückkommt, schafft er locker den Abschluss der Hauptschule: „Ich hatte die Noten für den Übergang zur Realschule, wollte aber meinen Zwillingsbruder nicht allein lassen“, erinnert sich Sahin. Die Familie bedeutet ihm viel – wie vielen Türken.
Doch nach dem Schulabschluss lässt Sahin die Zügel schleifen. Um eine Lehrstelle bewirbt er sich gar nicht erst: „Ich war zu faul“, bekennt er freimütig, obwohl er heute glücklich ist, die Ausbildung zum Automobiltechniker gemacht zu haben. Schon allein deshalb, weil er in diesem Jahr seine deutsche Freundin heiraten will, mit der er seit zehn Jahren zusammenlebt.
Über einen Freund und das Arbeitsamt stößt der Türke schließlich auf In Via. Der Caritas-Verband hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, schwer vermittelbare Jugendliche in einem Jahr fit für eine Ausbildung zu machen. Sahin besucht eine Schule für Elektrotechnik. Zweimal die Woche wird er mit den anderen Kursteilnehmern in Deutsch, Mathe, Informatik und Allgemeinbildung unterrichtet, an den drei anderen Tagen erhält er eine praktische Grundausbildung bei Deutz.
„Wir arbeiten seit langem mit In Via zusammen und nehmen jedes Jahr etwa 30 junge Leute für ein zehnmonatiges Praktikum“, sagt Frank Optiz, stellvertretender Ausbildungsleiter bei dem Motorenhersteller. „Nach dieser Zeit kristallisieren sich vier bis sechs heraus, die Interesse an einer Ausbildung haben und auch geeignet erscheinen.“ Sahin erhält eine Chance, muss sich aber wie alle anderen Jugendlichen um die Stellen bewerben. Pro Jahr erhält Deutz durchschnittlich 250 Bewerbungen für 25 Ausbildungsplätze. Doch Sahin besteht den Einstellungstest, und auch der Stammausbilder ist zufrieden. Nach dreieinhalb Jahren packt er die praktische Lehrprüfung, fällt aber in der theoretischen durch. „Wegen Technologie“, sagt Sahin. Er wird trotzdem übernommen und besteht nach weiteren zwei Monaten auch die theoretische Prüfung. Jetzt will er Gruppenführer werden. „Dazu hat er gute Chancen“, sagt Opitz.
Auch sein Kollege Denis Roor ist über In Via zu Deutz gekommen. Er stammt aus Kasachstan. 1985 geboren kommt er 1993 nach Köln. Der Vater arbeitet als Lackierer in der Domstadt. Die ersten vier Schuljahre absolviert Roor in Kasachstan. Als er dann in Deutschland in die Grundschule kommt, versetzt die ihn zurück in die zweite Klasse. Sein Deutsch sei zu schlecht, heißt es. Doch der junge Kasache mit dem deutschen Pass macht Fortschritte und schafft 2002 seinen Realschulabschluss in der Gesamtschule.
Danach wird es schwierig, eine passende Lehrstelle zu finden. Im Gegensatz zu seinem türkischen Kollegen Serkan schreibt Roor fleißig Bewerbungen. Mehr als 80 Schreiben schickt er ab – vergeblich. Es hagelt Absagen. „Ich hätte bei einigen Stellen anfangen können, aber es war nicht das Richtige dabei“, sagt Roor in noch leicht gebrochenem Deutsch.
Die wenigen Zusagen lehnt der Junge ab, da die Stellen in der falschen Gegend liegen oder unattraktiv für ihn sind. Schließlich vermittelt ihn das Kölner Arbeitsamt an In Via.
2003 beginnt Roor bei Deutz einen einjährigen Grundlehrgang für Metallberufe. Er besteht die Einstellungstests und startet 2004 seine dreijährige Ausbildung als Fertigungsmechaniker. Zusätzlich zur Berufsschule erhalten die Jugendlichen einen Tag pro Woche internen Unterricht und – falls nötig – Nachförderung.
Ausbilder Opitz lobt den Kasachen: „Seine Leistungen liegen im Schnitt“, sagt er. Das ist durchaus als Lob zu verstehen, denn es gibt keine Unterschiede zu den deutschen Auszubildenden. Im Praktischen ist Roor sehr gut, in den theoretischen Fächern liegt er bei befriedigend. „Sein Deutsch ist kein Problem mehr“, bekräftigt Opitz.
Deshalb ist Roor auch sicher: „Ich bestehe die Prüfung.“ Wenn er Recht behält, hat er gute Chancen für die Zukunft: Bisher hat Deutz allen Jugendlichen nach der bestandenen Prüfung einen befristeten Vertrag für ein Jahr gegeben. „Und danach“, sagt Opitz, „erhalten fast alle unbefristete Verträge.“
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| Amerikanischer Traum in Gevelsberg |
gefunden in: handelsblatt.com vom 27.06.2006
VOM GAST ZUM STAR: Recep Keskin hat sich zum erfolgreichen Bauunternehmer hochgearbeitet
Amerikanischer Traum in Gevelsberg
DIETMAR PETERSEN | GEVELSBERG "Amerikanischer Traum" wird er genannt, der sagenhafte Aufstieg vom Tellerwäscher zum Millionär. Recep Keskin hat ihn gelebt, diesen Traum - allerdings nicht in den USA, sondern mitten in Deutschland. Und der Junge aus einem kleinen westanatolischen Dorf beginnt seinen Aufstieg zum erfolgreichen Bauunternehmer auch nicht in einer Hotelküche, sondern als Kellner am Bodensee. Doch kaum in seiner neuen Heimat angekommen, verinnerlicht Keskin ein Motto, das schließlich zum Geheimnis seines Erfolges werden sollte: "Als Türke muss ich dreimal so viel leisten wie ein Deutscher."
Heute leitet der Unternehmer die Mark GmbH in Gevelsberg, einer kleinen Industriestadt am Rande des Ruhrgebiets. Sein Betonfertigteilwerk erwirtschaftete 2005 mit 43 Beschäftigten sieben Mill. Euro Umsatz. Dabei schien das Leben nicht viel für Keskin bereitzuhalten, als er im tiefsten Westanatolien geboren wurde. "Ob der 1. Januar 1949 wirklich mein Geburtstag ist, weiß niemand, vielleicht wurde ich schon im November 1948 oder erst im Februar 1949 geboren", erzählt er. Das Dorf ohne Wasser und Strom ist zugeschneit, Hebammen gibt es nicht, die Dorfälteste hebt Recep ins Leben. Die Mutter ist Analphabetin, der Vater hat beim Militär ein wenig Lesen und Schreiben gelernt. Nach der Schneeschmelze reitet er auf dem Esel in die Kreisstadt, um die Geburt seines Sohnes zu melden. Per ordre de mufti legt der Beamte den 1. Januar als Geburtstag fest, wie auch bei zwei Geschwistern. "Wir lebten damals ohne Kalender", sagt Keskin. "Fixpunkt der Woche war der Freitag, der muslimische Feiertag."
Acht Kilometer muss der Junge Tag für Tag in die Grundschule laufen, doch der lange Fußmarsch lohnt sich: Der Lehrer erkennt die Begabung seines Schülers und sorgt für staatliche Förderung. Keskin besucht die Hotelschule in Ankara und gewinnt nach dem Abschluss ein zweijähriges Ausbildungsstipendium in Deutschland. Drei Nächte und vier Tage reist der 17-Jährige mit der Bahn nach München: Er ist in Deutschland, dem sagenhaften "Bruderland", von dem die Alten im Dorf sprachen.
In einem Luxushotel am Bodensee erkennt der Direktor das Geschick seines jungen Mitarbeiters und überträgt ihm Verantwortung. Recep bedient Prominente aus Politik und Popkultur, die Bundeskanzler Kurt Kiesinger und Willy Brandt sowie den Schlagersänger Udo Jürgens. Der junge Türke sieht eine neue Welt: "Deutschland bietet auch Ausländern große Chancen, wie ich sie in der Türkei niemals erhalten hätte." Er hört vom zweiten Bildungsweg, holt in Abendkursen das Abitur nach und macht an der Fachhochschule Konstanz einen Diplom-Abschluss als Bauingenieur. Seinen Lebensunterhalt verdient er am Bau, als Taxifahrer, Kellner und Gerichtsdolmetscher.
In einer münsterländischen Baufirma arbeitet sich Keskin bis in die Geschäftsführung hoch. Ein Türke im Management schade dem Firmenimage bei den Banken, warnen die deutschen Kollegen den Eigentümer. Doch Keskin lässt sich nicht beirren. Er schreibt Fachartikel über preiswertes Bauen und erweckt das Interesse eines mittelständischen Unternehmers. Der bietet ihm die Nachfolge in seinem Betonwerk an, ein Angebot, das Keskin 2001 dankbar annimmt.
Heute ist der Rat des Unternehmers in Ausbildungsinitiativen des Industrie- und Handelskammertages und der Bundesregierung gefragt. "Recep Keskin ist ein Mann, der nicht jammert, sondern zupackt", sagt Cem Özdemir, Europaabgeordneter der Grünen. Und Zeki Safak Ozan, Mitteleuropa-Chef eines der größten türkischen Konglomerate, lobt den Aufsteiger als "Brückenbauer": Anders als viele erfolgreiche Unternehmer, die als Gastarbeiter kamen, sei Keskin "in seiner türkischen Welt nicht stehen geblieben".
Zwar gab es auch Rückschläge: So habe er fast dreißig Jahre um die doppelte Staatsbürgerschaft kämpfen müssen, sagt Keskin. Und seinen Zweigbetrieb bei Magdeburg musste er schließen, nicht nur wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten: Neonazis hatten "Ausländer raus" an das Fabriktor geschmiert.
Trotzdem engagiert sich Keskin in Sozialprojekten - oft "bis an die Grenze des Machbaren", wie Özdemir sagt. Seinem Heimatdorf schenkt der Unternehmer ein Schulzentrum. Außerdem beteiligt er sich am Bau einer Straße, die 22 Dörfer verbindet. Auch die Wahlheimat Gevelsberg profitiert: "Wenn die Stadtkasse für soziale Notfälle wieder einmal leer ist, bei Recep Keskin finden wir ein offenes Ohr und Großzügigkeit", lobt Bürgermeister Klaus Jacobi. Mit Sorge betrachtet Keskin, der mit einer deutschen Studienrätin verheiratet ist und vier Kinder hat, dass viele der jungen Türken in Deutschland heute "draußen vor der Tür" stehen. Alle hätten weggeschaut, als in den Großstädten die Parallelgesellschaften wuchsen - "jetzt stecken wir in der Sackgasse". Deshalb zeigt er Verständnis, wenn der Staat seine Autorität einsetzen will, um die Bildung von Ghettos zu verhindern.
Keskin hat eine junge Türkin zur ersten Betonteile-Handwerkerin in NRW ausgebildet. Doch das muslimische Kopftuch würde er im Betrieb niemals dulden: Das, so sagt er, wäre für ihn eine "Provokation".
Petersen, Dietmar
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gefunden in: handelsblatt.com vom 19.06.06
Serie: Lebende Legenden
heute: Daniel McFadden, Ökonomie-Nobelpreisträger 2000
Jungen Ökonomen empfiehlt der Nobelpreisträger: „Studiert Neurologie und Biochemie, kognitive Psychologie und Anthropologie, und macht euch daran, die neue Wissenschaft des Glücks zu vervollständigen.“
Daniel McFadden, Universalgelehrter ohne Schulabschluss
Ökonomie-Nobelpreisträger des Jahres 2000, produziert mit mathematischer Eleganz, psychologischer Expertise und Sinn für die Praxis neue Erkenntnisse für die Ökonomie
NORBERT HÄRING | FRANKFURT
Es klingt wie ein Märchen. Ein Junge wächst Kühe melkend auf einem abgelegenen Bauernhof ohne Strom und fließend Wasser auf, im Alter von 15 Jahren bricht er die Schule ab. Vier Jahrzehnte später ist er Professor an einer der angesehensten Hochschulen der Welt und Träger des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften.
In Gestalt von Daniel McFadden wurde dieses Märchen Realität.
Sein Vater ging nur vier Jahre lang zur Schule, war aber ein kleines Rechengenie und brachte es schon mit 14 Jahren zum Buchhalter einer kleinen Bank. Seine Mutter war Universitätsdozentin für Architektur. Als die beiden heirateten, warfen sie ihr bisheriges Leben hin und kauften eine kleine Farm in North Carolina, wo Daniel 1937 zur Welt kam. Weitab vom nächsten Nachbarn gab es für den Heranwachsenden wenig Unterhaltung außer der großen Bibliothek seines Vaters, die er ausgiebig nutzte.
McFadden erzählt, dass dieLehrer einsichtig genug waren, ihn während des Unterrichts Literatur seiner Wahl lesen zu lassen – vier bis fünf Bücher am Tag habe er so verschlungen.
Mit 15 Jahren flog er von der Schule – weil er dagegen protestierte, dass jeder Schüler automatisch von der Schule verwiesen wurde, sobald er bei der Polizei angezeigt worden war.
McFadden arbeitete ein Jahr auf der Farm eines Onkels, bevor er die Aufnahmeprüfung der Universität in Minnesota erfolgreich absolvierte und ein Physikstudium begann. Bevor er auf vielen Umwegen zur Ökonomie fand, baute er ein Röntgen-Teleskop und einen Computer. Über einen Studentenjob, bei dem er eine Kartensortiermaschine für die Auswertung psychologischer Tests baute, entwickelte er ein Interesse für die Psychologie. Schließlich brachte ein interdisziplinäres Trainingsprogramm in Verhaltenswissenschaften mit Kursen in Psychologie, Soziologie, Volkswirtschaft, Anthropologie, Politikwissenschaft, Mathematik und Statistik ihn von der Physik weg und gewann ihn für die Sozialwissenschaften.
Zufällig waren es an seiner Universität zwei Volkswirtschaftsprofessoren, die sich besonders mit dem beschäftigten, was den jungen Forscher am meisten interessierte – der mathematischen Modellierung von Lernen und Wahlverhalten. Deshalb promovierte er in Ökonomie und nicht etwa in Psychologie.
Den Nobelpreis bekam McFadden im Jahr 2000 für seine grundlegenden Arbeiten zur Analyse diskreter Entscheidungen. Was sehr abstrakt klingt, hat große praktische Relevanz. Wenn der Bedarf für eine neue Bahnlinie oder Straße abzuschätzen ist, greifen die Planer auf Methoden zurück, die der Professor aus Berkeley maßgeblich mit entwickelt hat. Diskrete Entscheidungen sind solche, bei denen ein Mensch nur die Wahl zwischen zwei Alternativen hat, zwischen „Ja“ und „Nein“ – zum Beispiel, ob er eine neue Bahnstrecke nutzt oder weiter mit dem Auto fährt, ob er Kinder aufzieht oder welches Auto er kauft. McFaddens „multinominales Logitmodell“ hilft, aus den relevanten Faktoren eine Wahrscheinlichkeit für diese oder jene Wahl zu ermitteln.
So wie McFadden bei aller Liebe für mathematische Eleganz und neue statistische Methoden die Anwendung auf die Praxis nie aus dem Auge verlor, hat er im privaten Leben immer die Verbindung zur Scholle bewahrt, die schon seinen Eltern so wichtig war. Im Nebenberuf ist er Farmer. Mit seiner Frau Beverlee, einer Künstlerin, betreibt er eine kleine Farm mit Weingut im kalifornischen Napa Valley.
In den letzten Jahren hat McFadden vor allem untersucht, wie die Menschen in der Praxis von den Standard-Modellannahmen der Ökonomie abweichen, weil sie uneigennützig handeln, Wahrscheinlichkeiten systematisch falsch einschätzen und sich von nebensächlichen Faktoren leiten lassen.
Auch die grundsätzlichen Fragen, die das boomende Feld der Erforschung der ökonomischen Determinanten des Glücks aufwirft, faszinieren den Grandseigneur der Entscheidungsforschung. Er kommt zwar zu dem Ergebnis, dass die Ökonomen den Kern ihrer Einsichten und Modelle weiter nutzen können. Gleichzeitig wünscht er sich mehr junge McFaddens – multidisziplinäre Forscher, die unbequeme, neue Forschungsrichtungen voranbringen. Jungen Ökonomen empfiehlt der Nobelpreisträger: „Studiert Neurologie und Biochemie, kognitive Psychologie und Anthropologie, und macht euch daran, die neue Wissenschaft des Glücks zu vervollständigen.“
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| An Marissa Mayer führt keine Innovation vorbei |
gefunden in: vdi-nachrichten.de vom 13.4.2006
An Marissa Mayer führt keine Innovation vorbei
Im Porträt: Die Technologie-Chefin hat maßgeblichen Anteil am Aufstieg der Suchmaschine Google - 30-Jährige hatte bereits wissenschaftliche Karriere in Stanford vor Augen
VDI nachrichten, New York, 13. 4. 06, ws - Hätte die heutige Google-Chef-Technologin Marissa Mayer nicht zufällig die Unternehmens-Gründer Larry Page und Sergey Brin getroffen, wäre sie heute Hochschullehrerin an der Stanford University. So aber wurde Marissa Mayer in wenigen Jahren die technologische Drahtzieherin und Vize-Präsidentin hinter der mächtigsten Suchmaschine der Welt.
Der Name lässt auf bayerische Herkunft schließen und da ihr Geburtsort, Wausau im Bundesstaat Wisconsin, von deutschen Einwanderern aufgebaut wurde, ist das Abstammungsland unumstritten.
Heute hat Wausau knapp 40 000 Einwohner, eine Kleinstadt im tiefen Mittleren Westen. 1994 brach Marissa Mayer dort auf, um an der kalifornischen Stanford University Computer-Wissenschaften mit Schwerpunkt Künstliche Intelligenz zu studieren. Ihr Traumjob war Lehrerin für Computer-Wissenschaften bei Stanford. Als sie sich fünf Jahre später auf Anraten von Freunden mit den Doktoranden Larry Page und Sergey Brin treffen sollte, sah sie das eher als Pflichtübung und weniger als Karrieremöglichkeit an.
Doch dann kam alles ganz anders. "Larry und Sergey haben mit ihrer Idee, das Weltwissen zu archivieren, meine Fantasie geweckt und meine bis dahin kleine Welt total verändert", erinnert sich die erste weibliche Technikerin bei Google. Und die beiden Firmen-Gründer haben sie reich gemacht, denn aus dem damaligen 20-Mann-Laden ist inzwischen ein Weltunternehmen geworden, dessen Marktkapitalisierung über 73 Mrd. Dollar beträgt und das im letzten Jahr bei einem Umsatz von 6 Mrd. Dollar einen Nettogewinn von 1,5 Mrd. Dollar erwirtschaftete.
An dieser knapp siebenjährigen Erfolgsgeschichte hatte und hat Marissa Mayer maßgeblichen Anteil. Offiziell lautet ihr Titel "Vizepräsident, Suchprodukte und Anwendererfahrung". Dahinter verbirgt sich die gesamte Technologiepalette, die Google zur führenden Suchmaschine gemacht hat.
Ihr ist es zuzuschreiben, dass sich Google von der reinen Internet-Suchmaschine hin zum Anbieter neuer Anwendungen entwickelt hat, dazu gehören die Bildersuche, Gruppensuche, Nachrichten, Produkte, Videos, Bücher und Orte. Auch die Suchhilfen, wie Google Toolbar und Desktopsuche, gehören zu den Erfolgsprodukten.
Ihr ist es zu verdanken, dass Google heute weltweit in über 100 Sprachen verfügbar ist. Insgesamt hat Mayer das ursprünglich asketische Google-Angebot um über 100 Features erweitert. Nahezu täglich fügt sie neue hinzu, denn sie sitzt an der Schaltstelle für interne Weiterentwicklungen. Fast jeder Google-Mitarbeiter darf ein Fünftel der Arbeitszeit auf Firmenkosten an eigenen Projekten basteln. Die daraus entstehenden Ideen werden von ihr beurteilt und - falls geeignet - an das Führungsteam weitergeleitet. Einige dutzend Patente konnte Google auf diese Art bereits für sich verbuchen.
Doch die Erfolgsrate ist gering. Aus 15 bis 20 Vorschlägen erreicht nur einer das Topteam. "Sie durchschaut sofort mit präziser Analyse alle Ideen, und nur was die Chance auf eine Killerapplikation verspricht, bekommt ihren Segen", sagt ein Mitarbeiter. Meistens erledigt Mayer diese Arbeiten in den Abendstunden, bevor sie gegen Mitternacht das Büro verlässt.
Tagsüber muss sie sich um die Umsetzung der vielen neuen Techniken kümmern. "Die Konkurrenz schläft nicht und wir haben nur dann eine Chance, wenn wir schneller und besser sind", sagt sie mit Anspielung auf die Erzrivalen Yahoo und Microsoft.
Beide haben erkannt, dass Google in puncto Suchen das Maß aller Dinge ist, folglich gibt es Powerplay an allen Fronten. Neue Forschungszentren mit abgeworbenen Experten sollen den Rückstand auf Google aufholen. Mit einer millionenschweren Marketing-Kampagne will Microsoft seine Suchmaschine MSN im Markt bekannter und attraktiver machen.
Doch nicht nur die beiden Großen haben Google im Visier. Interactive Media hat soeben einen Relaunch von Ask.com gestartet und trifft Google dabei an seiner Achillesferse, der minimalistischen Startseite. Ask.com bietet eine individuell konfigurierbare Navigationsleiste, mit der man nach Satellitenbildern, Wegstrecken und umliegenden Restaurants suchen kann. Auch dafür steht ein Millionenetat bereit.
"Wir werden uns einen ordentlichen Marktanteil bei Google abschneiden", verkündete Ask.com-Chef Barry Diller anlässlich der Neuvorstellung selbstbewusst in New York. Auf die Frage, wie er das bewerkstelligen wolle, sagte er mit Anspielung auf den Google-Firmen-Grundsatz: "Be evil!"
Auch New-Yorks Analysten betrachten sehr nachdenklich, wie unprofessionell das Google-Team mit Investoren und Kunden umgeht. "Die Google-Manager müssen begreifen, dass sie ein Milliardenbusiness betreiben, in das viele Kleinanleger ihr Geld gesteckt haben", sagt Paul Saffo, Financial Consultant im Silicon Valley.
Marissa Mayer ist sich bewusst, dass bei Google in einigen Bereichen zu schleifen ist: "Natürlich gibt es Dinge, die noch nicht optimal laufen", sagt sie im Gespräch mit "Spiegel online". "Als mich Craig Silverstein damals beim Einstellungsgespräch darum bat, ihm drei Details zu nennen, die Google verbessern solle, fielen mir bloß zwei ein - ihm aber, gewissermaßen einer der Väter der Seite - tausende! Heute geht es mir wie ihm. Vieles könnte besser sein."
Den Mitarbeitern blieb die Achterbahnfahrt ihrer Aktienkurse weitestgehend verborgen, denn es ist verboten, sich während der Arbeitszeit über den Aktienstand zu informieren. "Wer erwischt wird, muss eine Aktie Strafe zahlen", sagt Mayer über die ungewöhnliche "Straf-Kaffeekasse".
Den Spaß an der ursprünglich angestrebten Lehre hat sie sich trotz des anstrengenden Millionenjobs nicht versagt: Sie unterrichtet nebenher Anfängerkurse in Programmierung bei Stanford. Über 3000 Studenten hat sie inzwischen die erfolgreiche Kursteilnahme bestätigt, was in der US-Internet-Industrie vermutlich einen höheren Wert hat, als manch ein kompletter Master-Abschluss. HARALD WEISS
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| Sozialarbeit statt Seminargeschwafel |
gefunden in: ftd.de vom 10.11.05
Sozialarbeit statt Seminargeschwafel
von Judith-Maria Gillies
Dass Manager ein Sozialpraktikum in einem Hospiz, einer Bahnhofsmission oder Drogenberatung machen, ist keine Ausnahme mehr. Corporate Volunteering hat Konjunktur - nicht aus Nächstenliebe, sondern als Weiterbildungsmaßnahme.
Donnerstag, zwölf Uhr, St.-Josef-Hospital, Bochum. Irmtraud Venker-Koebel steht sichtlich mitgenommen in der Teeküche der Aidsstation in der fünften Etage. Die Abteilungsleiterin der Deutschen BP hat drei Arbeitsstunden hinter sich, die es in sich hatten: Statt wie sonst Teambesprechungen und Kundenverhandlungen zu führen, hat die 47-Jährige mit Aidskranken geredet, am Patientenfrühstück teilgenommen und bei einer Angehörigenberatung zugehört.
Harte Kost für die blonde Managerin. Doch genau deshalb ist sie hier. Für eine Woche hat die Geschäftsfrau ihren Bürojob gegen das Sozialpraktikum bei der Aids-Hilfe Bochum getauscht, "um in der ganzen Alltagsarbeit wieder den Blick für das Wesentliche zu bekommen", sagt sie. Möglich wird der Rollenwechsel durch die Initiative "Seitenwechsel", ein bundesweites Programm, bei dem Führungskräfte den Chefsessel für kurze Zeit gegen eine Mitarbeit in einem Hospiz, einer Klinik oder einem Frauenhaus eintauschen.
Führungskräfteentwicklung in der Realität
Corporate Volunteering - so lautet der Fachbegriff für das soziale Engagement der Mitarbeiter - steht in Deutschland derzeit hoch im Kurs. Nach einer aktuellen repräsentativen Forsa-Umfrage unter inhabergeführten Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 100.000 Euro sehen sich mehr als drei Viertel aller Befragten in einer größeren sozialen Verantwortung als andere gesellschaftliche Gruppen. So hat jeder siebte Betrieb in den vergangenen zwölf Monaten Mitarbeiter für ehrenamtliche Tätigkeiten freigestellt. Immerhin ein Drittel der Unternehmer hat sich sogar selbst sozial engagiert.
Nivea-Hersteller Beiersdorf schickt seine Führungskräfte zur SozialarbeitAllein bei Seitenwechsel leisteten bisher mehr als 300 Manager unterschiedlicher Branchen Sozialarbeit - darunter Mitarbeiter vom Flugzeugbauer Airbus, vom Markenartikler Beiersdorf und vom Versandhändler Otto. Zudem haben zahlreiche Konzerne eigene Aktionen ins Leben gerufen: Bei Lufthansa zimmerten Manager einen Spielplatz für jugendliche Aussiedler und begrünten den Hof einer Obdachlosen-Teestube. Nachwuchsführungskräfte des Energiekonzerns RWE erstellten ein Risikomanagementsystem für die Suchthilfe in Essen und ein Marketingkonzept für eine Kinderschutzorganisation. Bei Siemens nahmen seit 1999 Hunderte leitende Angestellte an dem Arbeitsplatztausch-Projekt "Switch" teil und leisteten beispielsweise im Dritte-Welt-Café, bei der Bahnhofsmission oder in einer Werkstatt für psychisch Kranke ihren Dienst.
Hilfe und Managementwissen gegen Imagegewinn
"Mit Gutmenschentum hat das nichts zu tun", sagt Dieter Schöffmann, Chef der Kölner Dienstleistungsagentur Vis a vis. "Alle Seiten gewinnen." Die sozialen Einrichtungen erhalten tatkräftige Hilfe und Management-Know-how, der Staat wird in Zeiten klammer Kassen von der Wirtschaft entlastet, die Unternehmen polieren ihr Image auf, und die Manager kurbeln ihre Sozialkompetenz und damit ihre Karriere an.
Die Devise bei allen Maßnahmen lautet: Sozialarbeit statt Seminargeschwafel. Der Lerneffekt liegt im Wiedererkennen bestimmter Lebenssituationen, bestätigen Experten. "Jedes Unternehmen ist ein Mikrokosmos der Gesellschaft", sagt Seitenwechsel-Organisatorin Doris Tito von der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg. Nicht nur während eines Sozialpraktikums, sondern auch im Betrieb treffen Chefs auf Abhängige, Sterbenskranke oder psychisch labile Menschen. "Durch ihre Arbeit mit Betroffenen sollen sie lernen, Blockaden zu überwinden und Unsicherheiten abzubauen, mit denen sie auch im Job konfrontiert sind", sagt Tito.
Sozialkompetenz und Überblick ausbauen
Ähnlich sehen das die Personalabteilungen vieler Unternehmen."Das Lernen in einer fremden Arbeitswelt soll helfen, die soziale Kompetenz zu vertiefen", sagt Wiebke Husemann, Projektleiterin für Seitenwechsel bei der Deutschen BP. "Dazu müssen die Teilnehmer auch bereit sein, einen Schritt aus ihrer Komfortzone hinauszugehen."
Damit sich der Einsatz auch wirklich lohnt, bereiten Unternehmen, die bereits Erfahrungen im Corporate Volunteering gesammelt haben, ihre Führungskräfte in Einzelinterviews auf ihre ungewohnte Mission vor. Nach dem Sozialdienst helfen Feedbackgespräche, das Erlebte zu verarbeiten.
Wem das zu aufwändig ist, der kann die Organisation des Sozialdienstes auch an externe Dienstleister abgeben. Rund 200 Freiwilligenagenturen und Dutzende weiterer Servicegesellschaften bieten Unternehmen Rundum-sorglos-Pakete an, die Beratung, Konzeption, Vermittlung und Auswertung enthalten. Dazu zählen etwa die Ludwigsburger Respons-Agentur für soziale Fragen, die Change-Agentur für Sozialmarketing in Overath bei Köln oder die Stuttgarter Mehrwert-Agentur für soziales Lernen.
Wissensgewinn bei überschaubaren Kosten
Die Kosten für die Managerverschickung liegen "zwischen null und mehreren Tausend Euro", sagt Experte Schöffmann. Ohne Extrakosten kommen die Betriebe davon, die ihre Seminaretats umwidmen und für Corporate Volunteering ausgeben. Wer aber ganze Top-Etagen für den Sozialdienst einplant, muss das Budget für die Führungskräfteentwicklung etwas stärker ausschöpfen. Üblicherweise sollten Firmen mit Kosten von 1500 bis 3000 Euro pro Managerwoche rechnen. Im Vergleich zu den üblichen Seminargebühren ist das ein Schnäppchenpreis.
Die Investition zahlt sich aus, sagt Venker-Koebel, die ihren Sozialdienst mittlerweile absolviert hat. "Ich habe schnell gemerkt, dass ich hier einiges lernen kann, was mir im Beruf hilft - zum Beispiel in Sachen Mitarbeiter- und Gesprächsführung", sagt sie. Als Teamleiterin biete sie häufig selber Lösungen für Probleme an. "Hier habe ich gelernt, wie wichtig es ist, den Gesprächspartner selbst die Lösung finden zu lassen. Das kann ich bestimmt umsetzen."
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